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Kleine Tricks

Sztuczki. PL 2007. R,B: Andrzej Jakimowski. K: Adam Bajerski. S: Cezary Grzesiuk. M: Tomasz Gassowski. P: Zjednoczenie Artystow i Rzemieslnikow, Kino Swiat International. D: Damian Ul, Ewelina Walendziak, Iwona Fornalczyk, Andrzej Golejewski, Tomasz Sapryk, Rafal Guzniczak, Joanna Liszowska, Grzegorz Stelmaszewski u.a.
95 Min. Kool ab 23.7.09

Die goldene Kamera

Von Arezou Khoschnam Ganz nach dem Motto‚ »wenn mir das Glück nicht hold ist, dann helfe ich ihm eben selbst auf die Sprünge«, greift der siebenjährige Stefek in das kleine und große Schicksal ein. Dies ist die wichtigste Lektion, die er von seiner älteren Schwester Elka lernt. Hierzu ein Beispiel: Nachdem er schon mehrfach versucht hat, die Tauben mit einem Fingerschnipsen dazu zu bewegen, ihren Taubenschlag zu verlassen – stets ohne Erfolg, da die Tauben nicht auf kleine Jungs hören – nähert er sich ihnen verkleidet als alter Mann mit Stock, Hut und Zigarette im Mund und siehe da: Er hat Erfolg. Was Stefek sich jedoch am meisten wünscht, ist seinen Vater, der die Familie vor Jahren verlassen hat, zur Heimkehr zu bewegen. Dazu fängt er ihn jeden Morgen am Bahnsteig ab, wo dieser auf dem Weg zur Arbeit umsteigen muß. Um ihn an der Weiterfahrt zu hindern oder diese zumindest zu verzögern, richtet er einen Hindernisparcours ein: Er wirft des Nachts Münzen auf die Gleise und stellt zwei Zinnsoldaten daneben auf. Und siehe da: Der Zug kann nicht planmäßig abfahren, wodurch sich Stefek länger mit seinem Vater unterhalten kann. Doch damit nicht genug. Mit weiteren kleinen Tricks erreicht Stefek, daß sein Vater sich notgedrungen länger in der Stadt aufhalten muß. Und irgendwann kommt dieser sogar eigens auf die Idee, die Mutter seiner Kinder mit einem Blumenstrauß aufzusuchen.

Was bislang nach der heiteren Geschichte eines Halbwüchsigen klingt, ist mehr als die polnische Version von Michel aus Lönneberga. Allein die Kulisse des Films bietet genug Material für ein Drama. Stefek und Elka wohnen mit ihrer Mutter in einer heruntergekommenen polnischen Grubenstadt, wo der Wandputz an den Gebäuden schon vor langer Zeit abgebröckelt ist, wo auf der Straße so gut wie nie zwei Autos gleichzeitig fahren und wo man nie auch nur ein einziges Handy klingeln hört. Daß der Film dennoch ein akustischer und visueller Genuß ist, ist einerseits dem lebhaften Soundtrack zu verdanken, der mit Zupfinstrumenten für den humorvollen Unterton der Bilder sorgt, andererseits der preisgekrönten Kamera von Adam Bajerski, die die trostlose Kleinstadt in fast schon surrealem Glanz erstrahlen läßt. Neben den beeindruckenden Lichtverhältnissen sind es die in ihrer Reglosigkeit und Präzision stark an Fotographien erinnernden Bildausschnitte, die dem Film zu einer ganz individuellen Ästhetik verhelfen. Der weitgehende Verzicht auf Kameraschwenks und -zooms sowie die im Vergleich zum westlichen Kino auffällig wenigen Schnitte erweisen sich hierbei als geeignete Bildsprache für diesen vom Trubel des Stadtlebens abgeschiedenen Ort der Stille.

Bewegung findet zunächst nur in den Köpfen statt, wie an den langen Einstellungen der Gesichter im Close Up zu sehen ist. Mit viel Phantasie, Ideenreichtum und dem Glauben an die eigenen Fähigkeiten verfolgt Stefek seine Ziele, trotz aller Widerstände. Hier spielt der Zug als wiederkehrendes Motiv eine interessante, weil der eigentlichen Symbolik widersprechende Rolle. Der Zug steht für das Reisen und versinnbildlicht die Sehnsucht nach der Ferne, also die Sehnsucht nach einem anderen Ort. Die Kamera verläßt jedoch nie die heruntergekommene Heimatstadt der Protagonisten. Stattdessen macht sie sich daran, das Schönste aus ihr herauszuholen. Eine banale Szene wie jene, die Stefek und Elka dabei zeigt, wie sie herzhaft in Wassermelonenscheiben hineinbeißen, wird beispielsweise zu einem überraschend ästhetischen Vergnügen.

Es ist jedoch notwendig, daß sich die Zuschauer auf den ruhigen Erzählrhythmus erst einmal einlassen. Dies ist kein Film für den schnellen Konsum. Kleine Tricks, der im Vorfeld bereits auf diversen Filmfestivals mit zahlreichen Preisen überhäuft worden ist, ist demnach nur auf den ersten Blick eine leichte Sommerkomödie. Regisseur Andrzej Jakimowski inszeniert die Welt durch Kinderaugen und präsentiert dem Zuschauer so eine bessere Welt, eine, in der sich Magie und Realismus treffen. 2009-07-20 10:08

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