— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Harry Potter und der Halbblutprinz

Harry Potter and the Half-Blood Prince. USA 2009. R: David Yates. B: Steven Kloves. K: Bruno Delbonnel. S: Mark Day. M: Nicholas Hooper. P: Warner Bros. Pictures, Heyday Films. D: Daniel Radcliffe, Rupert Grint, Emma Watson, Jim Broadbent, Helena Bonham Carter, Robbie Coltrane, Michael Gambon, Maggie Smith u.a.
153 Min. Warner ab 16.7.09

Vor dem Sturm

Von Natália Wiedmann Man muß ihn nicht lieben, den Jungen mit der Blitznarbe – doch gerade für Meta-Beobachtungen liefern die Verfilmungen seiner Abenteuer mancherlei interessante Anknüpfungspunkte. So geben sie Gelegenheit, über einen Zeitraum von zehn Jahren den jungen Protagonisten bei ihrer physischen und schauspielerischen Entwicklung zuzuschauen, die immensen Verbesserungen der computergenerierten Effekte zu kontemplieren, die Erzeugnisse verschiedener Produktionsteams zu vergleichen, zu sehen, wie sich mit bereits gefällten Entscheidungen (z.B. bezüglich der jugendlichen Besetzung) arrangiert wird, aufzuatmen, wenn aus den zum Teil schwer erträglichen Kinderfilmen unter Columbus’ Regie solide, unterhaltsame Jugendfilme werden, über das Ge- und Mißlingen der Ausbalancierungen von Buchtreue und eigenständigem Werk zu diskutieren. Sie fordern in besonderer Weise die Drehbuchschreiber heraus, die nicht nur wachsende Romanumfänge zu komprimieren haben, sondern sich zudem in der nahezu aporetischen Situation befinden, Handlungsstränge nicht nur fortführen, sondern auch vorbereiten zu müssen, ohne eine dramaturgische Geschlossenheit aus dem Blick zu verlieren, sich unbequeme Entscheidungen abringen hinsichtlich der Frage, welchem Herren man dienen will: den Neulingen, die einiger Erklärungen bedürfen, den Lesern, die alles wissen und nun alles sehen wollen oder aber nicht alles zu sehen brauchen? Wählt man den Epos oder die Ellipsen? Der Schwierigkeiten sind so viele, daß sie sich zu einem gordischen Knoten verzwirbeln und weit und breit kein Alexander. Man muß sie nicht lieben, die Filme, aber aus emotionaler Distanz das sisyphussche Scheitern zu betrachten, ist ein beinah sadistisches intellektuelles Vergnügen.

Während Harry Potter und der Orden des Phönix, der erste Potter-Film unter der Regie David Yates’, den Unbill weiter Teile der Fangemeinde angesichts weitreichender Veränderungen gegenüber des Romans auf sich zog, krankt der neue Film erwartungsgemäß an den Schwächen der Vorlage, in Rezensionen zu selbiger nachzulesen: Auf wenigen Seiten ließe sich die Handlung zusammenfassen, der Band diene lediglich der Vorbereitung fürs Finale. Bekannte Figuren magischer wie menschlicher Art spielen eine geringere Rolle denn je, und das zu lösende Rätsel ist nunmehr psychischer Natur: Was ist die Biographie, was sind die dunklen Motive und Wünsche des großen Antagonisten, was ist das Geheimnis seiner Unsterblichkeit?

Mithilfe des Denkariums seines Mentors begibt sich Harry auf psychologische Spurensuche; wie flüssige, schwarze Tinte strömen kostbare Erinnerungen aus Phiolen ins Wasser und verdichten sich zu Bildern – ein wundervoller Einfall, der auf die Romane alludiert, transportiert doch deren Druckerschwärze auf nicht weniger magische Weise fremde Bilder in vielerlei Vorstellungen. Auch sonst sind es – trotz des etwas penetranten Farbschemas – die Bilder, die beeindrucken, sind ein weiteres Mal die wahren Zauberer in Potters Filmwelt die zahlreichen Trickspezialisten und Szenographen, der riesige Stab an Menschen, die sich für die Schauwerte verantwortlich zeichnen, nicht zuletzt Kameramann Delbonnel. Und doch sind es der Szenen wenige, die im Gedächtnis haften bleiben. Den unbestreitbaren Höhepunkt bildet die Verwandlung des großartigen Michael Gambon vom mächtigen Übervater zum flehenden alten Mann in der virtuellen Höhle, die eines von Voldemorts Seelenteile birgt; eine Darstellerleistung, die Radcliffes leider stark limitiertes Spiel nur umso deutlicher vor Augen führt, gerade er vermag mimisch am wenigsten zu vermitteln, daß Rowlings Romanwelt weniger schwarzweiß gezeichnet ist als ihr teilweise nachgesagt wird.

Zu allem Überdruß fokussiert Steve Kloves’ Drehbuch nun gerade nicht die für den Ausgang der Romane entscheidenden Fragen, stattdessen bewegen wir uns über weite Strecken in den heimelig gelbgetönten Gefilden einer seichten Teenie-Romanze und wunderten uns kaum, sähen wir Hanni und Nanni kichernd über die Gänge huschen. Dies ist bisweilen durchaus vergnüglich anzuschauen, dann vor allem, wenn sich in sekundenschnelle Registerwechsel vollziehen – die grauenhafte Ausgestaltung von Rons Verehrerin Lavender, für die definitiv jemand einen schmerzhaften Fluch verdient, sei hier ausgenommen. Daß aber zugunsten romantischer Verwirrungen und einer völlig kontextlosen Binnensequenz auf die Andeutungen politischer Ränkespiele, der Ausleuchtung von Voldemorts Vergangenheit und die Möglichkeit eines Wiedersehens mit dem Orden des Phönix in einer abschließenden Actionpassage verzichtet wird, ist nicht zuletzt der reduzierten Spannungsmomente wegen zu bedauern – »Quo vadit?«, fragt man sich in skeptischer Erwartung des bevorstehenden Showdowns. Unbefriedigt die konträren Herren, uneingelöst die Versprechungen eines durchaus gelungenen Anfangs mit dem virtuosen Angriff der Todesser und einer maliziös säuselnden Helena Bonham Carter. So bleibt Harry Potter und der Halbblutprinz ein lediglich passabler Interimsfilm, ein bebildeter Zustand des Wartens, Warten auf Voldemort. 2009-07-15 10:51

Medien

© 2012, Schnitt Online

Sitemap