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Brüno

USA 2009. R: Larry Charles. B: Sacha Baron Cohen, Anthony Hines, Dan Mazer, Jeff Schaffer. K: Anthony Hardwick, Wolfgang Held. S: Scott M. Davids, James Thomas. M: Erran Baron Cohen. P: Media Rights Capital. D: Sacha Baron Cohen, Gustaf Hammarsten, Alice Evans, Trishelle Cannatella, Sandra Seeling, Candice Cunningham, Ben Youcef, Josh Meyers u.a.
83 Min. Universal ab 9.7.09

Nichts und Amen

Von Jakob Stählin Man ist Sacha Baron Cohen überdrüssig. Auf jeder Web 2.0-Plattform lächelt diesertage sein Charakter Brüno schwul in die Kamera. Sacha Baron Cohen nervt. Okay, nahezu jeder hat Borat gesehen; und jene, die es nicht taten, haben dennoch eine Meinung dazu, und mittlerweile hat sich auch herumgesprochen, daß der jüdische Geschichtsmagister ein absolut fantastischer und visionärer investigativer Journalist ist. Doch wie er in all seiner Plumpheit die immergleichen Vorgehensweisen in leicht derberer Form exerziert, ist schrecklich, ist einseitig, ist schlicht jedes negative Adjektiv, das die deutsche Sprache hervorgebracht hat: Wir reden von Unterschichtenfernsehen, sprich Prekariatsfernsehen, denn der Deutsche an sich kodiert seine Infantilität gerne.

Beginnen wir bei Null, also jenem Punkt, an dem Otto-Normal-Mensch aus Langeweile seinen Fernseher einschaltet und sich Blödsinn ansieht. Man unterscheide zwischen solchen, die sich halbdokumentarischen Schwachsinn ansehen, der denjenigen Arbeit gibt, die unbedingt in der Medienbranche arbeiten wollen und deren vermeintlich künstlerisches Mitteilungsbedürfnis logischerweise aufgrund nicht gerade fortgeschrittenen Alters (sprich: mangelnder Lebenserfahrung) maximal in rhythmischem Schneiden zu emotional aufgeladener Musik kulminiert, und solchen, deren geistige Entzückung bereits durch das lustige Flimmern des Farbfernsehapparats übersättigt zu sein scheint. Die Summe dieser Menschen verglichen mit der restdeutschen Bevölkerung ergibt nicht nur in Zynikerkreisen einen hohen Prozentsatz. All dies in einem vereint ist Brüno, denn Brüno versteht die Welt nicht und dadurch umso besser und möchte ein Star werden; ein Star der YouTube-Generation.

Die Stärke der Ali G-Show lag in ihrer Konsequenz. Das Konzept war schlüssig. Ali G, ein absoluter Volltrottel, der eine nicht allzu kleine soziale Bewegung bis in den letzten vergoldeten Zahn karikiert, interviewt Führungspersonen. Gelenkt von Sacha Baron Cohen waren die idiotischen Fragen stets punktgenau und auf anarchische Weise absurd, wie es Humor in seiner großartigsten Form nunmal verlangt. Weniger gut, obgleich durchaus milde amüsant, waren die beiden anderen Charaktere. Wo Ali G durch Absurdität punktete, sind Borat und Brüno lediglich Vehikel, um Gesprächspartnern durch infantiles Stochern Peinlichkeiten zu entlocken. Man amüsiert sich quasi auf Kosten anderer, um sich gut zu fühlen. Das ist zwar verlogen, aber erreicht durch den saloppen Rahmen niemals die Verlogenheit der exemplarischen Peter-Weir-Romantik. Als damals bei der Truman Show die Zuschauer in erzwungenem Schock ob solch dramatischer sozialer Entwicklungen nach Hause pilgerten, um sich dann doch kurze Zeit später die erste Big Brother-Staffel anzusehen, war eine neue Untiefe des Selbstbeweihräucherungskinos erreicht. Man nehme einen Meinungskonsens, lege seine Gegenposition bloß und freue sich über massig Publikum. Michael Moore kann einem also leidtun, nun, da Obama an der Macht ist, denn »He is so hot« (Brüno).

Mit Brüno dreht Sacha Baron Cohen den Spieß um. Wir sehen uns, wie schon in Borat, wo das Konzept weit weniger funktionierte, in einem Vehikel aus gespielten und echten Szenen gefangen. Es gibt entlarvende Momente en masse: Amerikaner dürfen ihre bigotten Meinungen verlauten lassen, doch darum geht es keineswegs. Sacha Baron Cohen hat vielmehr sein Publikum am Arsch. Lachend und geifernd sitzen die Massen in ihrem Sweet or Salty Popcorn und erleben eine Tour de Farce, deren Niveaulosigkeit sich in einem sprechenden Penis spiegelt. Die Verblödung unserer Kulturgesellschaft wird in einem Reigen an Schwachsinn auf ihre niedersten Wurzeln determiniert, so daß es keine Frage mehr geben kann, wer hier der eigentliche Idiot ist. Brüno ist ein zutiefst arroganter Film, durchzogen von den Methoden der Dandys, denn im Prinzip bleibt unser absurd gekleideter Freund stets eine über der Gesellschaft stehende Instanz, die fern jedes Realitätsgehalts mit unseren Wertvorstellungen jongliert.

Brüno funktioniert nicht als Film, sondern auf einer Metaebene. Er steht, wie jedes große Kunstwerk, in direkter Relation zu seiner Rezeption. Der Unterschied hierbei ist jedoch, daß die Bombe, die dieser Film zu zünden vermag, so klein, so unauffällig in des Zuschauers Kopf geschossen wird, daß es unmöglich zu sein scheint, ihre Detonation aufzuhalten. Man hat gelacht: über Penisse, über Schwule, über Pfarrer, über Schwarze, über Terroristen und über unflätige Hitlerwitze. Wahllos aneinandergereiht, über alles. Brüno ist in seiner tiefschürfenden Nichtigkeit absolut. Sacha Baron Cohen und sein Regisseur Larry Charles haben etwas geschaffen, das den westlichen Zeitgeist nicht karikiert, sondern ihm zur niedersten Befriedigung verhilft. Die Kinoerfahrung Brüno ist ungleich der eines Films, es ist ein Event, eine Offenbarung. Der endgültige Status Quo. Null und nichtig. 2009-07-09 11:52

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