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Kommissar Bellamy

Bellamy. F 2009. R,B: Claude Chabrol. B: Odile Barski. K: Eduardo Serra. S: Monique Fardoulis. M: Matthieu Chabrol. P: Alicéleo. D: Gérard Depardieu, Clovis Cornillac, Jacques Gamblin, Marie Bunel, Vahina Giocante, Marie Matheron, Adrienne Pauly, Maxence Aubenas u.a.
110 Min. Concorde ab 9.7.09

Farbkompositionen und Konturlosigkeit

Von Julian Bauer Ein südländisch marmorner Friedhof. Die Vögel zwitschern, und in ihren Gesang hinein zwitschert ein Mensch. Der Mensch pfeift ein Lied von Georges Brassens. Man sieht ihn nicht. Die Kamera schwenkt langsam über die steinernen Kreuze und Gräber, den Friedhof, um sich in Meer und Himmel zu verlieren. Sète ist der Ausgangsort; Brassens Grabstätte. Und diese ist eng verknüpft mit der verkohlten Leiche, die man einen Schnitt später am Fuße einer Klippe neben einem ausgebrannten Auto zu sehen bekommt. Dieser schwarzverbrannte Mann ist wie eine Statue drapiert, beinahe antik liegt der Kopf unweit abgetrennt hinter der Leiche. Danach sieht man eine Stadtmontage von verschiedenen Statuen. Komposition, das ist es, was diesen neuen Film von Claude Chabrol ausmacht. Die Geschichte ist zurückhaltend, der Film eine Hommage an die Figur des Detektivs Maigret und an Brassens. Der Fall, der sich vor Kommissar Bellamy in dessen Ferienort auftut, ist kein erzähltechnisches Spektakel.

Kommissar Bellamy erholt sich gemeinsam mit seiner Frau in ihrem Ferienhaus. Er (ein immer größer werdender Gérard Depardieu) sitzt im Wohnzimmer in gedeckten Farben, sie steht in Pastell vor hellgelber Tapete in der Küche. Damit ist von Anfang an klar, wer hier die Abenteuer erlebt. Oder, um genauer zu sein: wessen Abenteuer gezeigt werden und wessen im Verborgenen bleiben. Denn in einem Kriminalfilm, in dem charakteristisch das Dunkle aufgesucht wird, läßt es sich vor allem im Hellen verstecken. Das Spiel der Andeutungen wird in diesem Film unerläßlich gespielt.

Natürlich ist das Kriminalbeamtenpaar bourgeois. Das Haus ist manches Mal gar streng geblümt. Die blumenreiche Bluse der Frau sticht sich mit der Tapete oder der Krawatte ihres Mannes. Ein Zuviel an Ornamentik. Das erinnert an Herman Bang, der sich ebenso ausgiebig mit dem Zuviel und den Oberflächlichkeiten der hohen Gesellschaft und deren Zerfall beschäftigte. Doch im Gegensatz dazu werden die bourgeoisen Figuren Chabrol zusehends sympathischer, der Zerfall verliert an Konturen.

Das Ehepaar erscheint demnach gelassen in Umgang mit Gaunern und Merkwürdigkeiten. Ein Fremder, der sich schon seit Tagen um ihr Haus schleicht, bringt die Bellamys nicht aus der Ruhe. Sie warten auf seine direkte Kontaktaufnahme. Auf seinen Wunsch besucht Bellamy ihn schließlich in seinem Hotelzimmer, das braun in braun getäfelt ist. Betont dunkel, wie seine möglichen Machenschaften. Der Mann hat jemanden getötet oder vielleicht auch nicht. Er steht zwischen zwei Frauen, der eigenen und der Geliebten. Ein vorgetäuschter Tod sollte ein Leben mit der Geliebten ermöglichen und gleichzeitig durch den Lebensversicherungsbetrug ein gutes Leben für die zurückgelassene Frau ermöglichen. Doch Probleme tun sich auf, der Kommissar soll helfen. Von da an verwandelt sich die Kriminalgeschichte zur losen Analogie Bellamys eigenen Lebens. Diese generiert sich jedoch nicht aus der Erzählung, sondern aus den Bildern. Zum Beispiel durch Chabrols ständiger Anwendung von Platzieren und Ernten: In einem Baumarkt trifft Bellamy auf eine Frau, die pfeift Brassens, wie aus dem Off der Eingangszene. Und so stellt sich auch bald heraus, daß es sich hierbei um die Ex-Freundin des Toten handelt. Ähnliches geschieht, als eine weitere Leiche aufgefunden wird. Vor dem Tatort liegt eine Gießkanne, die mit ihrem abgebrochenen Duschkopf eindeutig auf den Toten der Eingangssequenz referiert. Das Bild widerspricht der Handlung: Die Beamten gehen von einem natürlichen Tod aus.

Zudem bekommt die Dreiecksgeschichte des Kriminalfalls ein Pendant in Bellamys Privatleben. Sein ungeliebter Halbbruder taucht plötzlich auf. Eifersüchteleien stehen auf dem Plan. Die Unterschiedlichkeit der Gebrüder ist physiognomisch. In ihren Körpern, aber auch in den Hintergrundfarben der Wände. Die Beziehung ist komplementär. Orange – Blau. Die Frau in Pastell ist irgendwo dazwischen. Nicht verwunderlich ist daher, wenn die junge Geliebte des vermeintlichen Mörders ihre Darstellung in ähnlich hellen Farbtönen findet. Sie ist verschwiegen und schön. Bellamy verfällt ihrem Liebreiz, wenn auch nur angedeutet: Aus der Subjektive aufgenommen sitzt die Schöne vor hellen Fenstern im gleißenden Licht. Der brutale Schnitt vom Verhör direkt in sein Schlafzimmer, wo er aus einem Traum erwacht und »Ich bin ein Scheißkerl!« ruft, ist freudianisch. Seine Frau bemerkt einmal lakonisch: »Ich denke, was ich tue. Du bist der Träumer.« 2009-07-07 15:18

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