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Achterbahn

D 2009. R,B,K,S: Peter Dörfler. S: Vincent Pluss. M: Bernd Schultheis. P: Rohfilm.
89 Min. Rohfilm ab 2.7.09

Das Leben ist kein Freizeitpark

Von Franziska Schuster Spaziergänger, die im Treptower Park in Berlin unterwegs sind, stoßen, wenn sie sich weit genug nach Osten wagen, auf ein umzäuntes Gelände, von Gras und Unterholz überwuchert. Im Gestrüpp das Gerippe einer Achterbahn, umgestürzte Dinosaurierfiguren, aus den Baumwipfeln ragt ein Riesenrad. Löcher im Zaun zeugen von all den Neugierigen, die sich mit der Kamera auf das Gelände geschlichen haben, die HFF-Studentin Zarah Ziadi drehte – nach langem Ringen um eine Drehgenehmigung – dort für ihren Kurzfilm Das Mädchen am Fenster. Gerüchte ranken sich um die »Plänterwald Story«, die Geschichte des in der ganzen DDR bekannten Freizeitparks, der nach der Wende privatisiert wurde und dann Konkurs machte, dessen Besitzer daraufhin nach Südamerika ging und schließlich wegen Drogenhandels verhaftet wurde. Wie sehr das nach einer fantastischen Geschichte für einen Film riecht!

Peter Dörflers Dokumentarfilm Achterbahn beginnt wie ein brav inszenierter Fernsehkrimi mit Laiendarstellern, die ihr eigenes Leben nachspielen. Ein Mann sitzt im Gefängnis, wie ist es dazu gekommen? Die Ehefrau erzählt, die Tochter erzählt, der Häftling erzählt. Biographische Puzzleteile werden aneinandergefügt wie nach einem Lehrbuch für dokumentarisches Erzählen; der Regisseur bemüht sich ein bißchen zu auffällig um Seriosität, umgeht die Boulevard-Falle durch demonstrative Ausgewogenheit der verschiedenen Standpunkte und versucht dabei gleichzeitig, Spannung aufrechtzuerhalten. Verwerflich ist das nicht, nur ein wenig zu durchschaubar. Irgendwann jedoch verschwindet plötzlich alle Steifheit aus der Erzählung, die Absurdität der Geschichte entfaltet ihre eigene Dynamik und verwandelt den Film in ein menschliches Drama von universeller Tragweite.

Für diesen Wandel gibt es einen Schlüsselmoment: Der Schausteller Norbert Witte, Nomade und Visionär, verursacht Anfang der 1980er Jahre fahrlässig einen Unfall, bei dem ein Karussell und ein Reparaturkran zusammenstoßen und sieben Menschen sterben. Hinter der bestechenden Naivität des Unternehmers, mit der er der Welt wie seinem vergrößerten Wohnzimmer begegnet, scheint erstmals eine unbarmherzige Wirklichkeit auf. Schuld, Schulden. Scheinbar ungerührt erzählt seine Frau Pia, wie sie nach dem Unglück ohne ihren Mann mit Fahrgeschäften, Angestellten und zwei kleinen Kindern drei Jahre lang in Jugoslawien Geld verdiente, wie 1991 der Spreepark übernommen und Jahre später in Teilen per Container nach Peru verschifft wurde, wie sich die Familie dort am Rande des Existenzminimums ein neues Leben aufzubauen versuchte und spektakulär scheiterte. Erst, wenn es um den in Lima inhaftierten Sohn geht, verliert auch die Mutter die Fassung. Auf jede übermenschliche Anstrengung im Leben der Wittes folgt eine andere, und vor der Zähigkeit der Familienmitglieder mag der Zuschauer schließlich nur noch den Hut ziehen.

Letztendlich entpuppt sich der etwas sperrige Einstieg in die Geschichte als gelungene Strategie, sich dem Tonfall des Sensationsjournalismus zu entziehen und stattdessen einen Raum zu schaffen, in dem die Persönlichkeiten der Protagonisten äußerst behutsam und auf letztendlich sehr intime Art charakterisiert werden. Perfekt gelingt Dörfler dabei der Umgang mit den Bildern, deren extreme Ausdruckskraft leicht die eigentliche Erzählung hätte erdrücken können – sparsam eingesetzt, lakonisch kommentiert durch die trockene Erzählweise der Beteiligten. Vor dem Hintergrundpanorama peruanischer Berge schlendern Mutter und Tochter Witte durch das unwirklich bunte Lichtermeer eines abendlichen Rummelplatzes und erkennen die Abfalleimer mit den Clownsköpfen wieder, die früher einmal an der Spree standen: »Unsere Mülltonnen.« Ohne Pathos dürfen gegen Ende des Films auch die Aufnahmen des verwaisten Spreeparks ihre Wirkung entfalten, surreale Bilder von morbider Schönheit, Anklänge an den Triumph der Natur über den Menschen.
2009-06-26 11:17

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