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Auf der Suche nach dem Gedächtnis

Auf der Suche nach dem Gedächtnis - Der Hirnforscher Eric Kandel. D/USA 2009. R,B: Petra Seeger. K: Robert Winkler, Mario Masini. S: Oliver Neumann. M: Walter W. Cikan, B. Fleischmann, Petr Spatina, Marnix Veenenbos. P: FilmForum GmbH.
95 Min. W-Film ab 25.6.09

Knospende Synapsen

Von Natália Wiedmann Eric Kandel. Begnadeter Neurowissenschaftler und Anekdotenerzähler. Nobelpreis- und Brillenträger. Ein kleiner Mann mit einem großen Lachen. Mit so viel Esprit und einer so faszinierenden Präsenz, daß er einen ganzen Film trägt, Eric Kandel der Forscher, Eric Kandel im Alltag. Petra Seegers Dokumentarfilm Auf der Suche nach dem Gedächtnis nimmt die Grundstruktur von Kandels gleichnamiger Publikation auf, in welcher er autobiographische Erzählungen, insbesondere die Geschichte seiner Wissenschaftskarriere, mit der Entwicklung der Neurowissenschaft verknüpft.

Einige der ersten Szenen zeigen Kandel, seine Frau und ihre Familie bei einer Reise nach Frankreich und Österreich, einer Suche nach den Orten, die das Ehepaar mit traumatischen Kindheitserinnerungen assoziiert. Die wissenschaftliche Suche nach der Bildung von Erinnerungen mit einer konkreten Suche zu verknüpfen – sicher kein besonders origineller Einfall, dennoch einer, der dramaturgisch seinen Zweck erfüllt und einen Gedanken Kandels aufnimmt, der sein Forschungsinteresse mit seiner Erfahrung in Verbindung bringt, 1939 dem antisemitischen Wien entfliehen zu müssen. »Es ist schwierig«, schreibt Kandel, »die komplexen Interessen und Handlungen eines Erwachsenenlebens auf bestimmte Erfahrungen in Kindheit und Jugend zurückzuführen. Trotzdem bin ich davon überzeugt, daß mein späteres Faible für den menschlichen Geist – dafür, wie sich Menschen verhalten, wie unberechenbar ihre Motive und wie dauerhaft Erinnerungen sind – auf mein letztes Jahr in Wien zurückgeht.«

Einem assoziativen Erinnern ähnlich springt der Film zwischen den Zeiten und Orten hin und her, hin und zurück, von Wien nach New York, von einem Vortrag zu Kandels Arbeitszimmer, von Flipchartzeichnungen zu Laborarbeiten, Eric Kandel unterhält sich, Eric Kandel erklärt etwas, Eric Kandel schwimmt. Manchmal werden die Szenen durch eine thematische Klammer verbunden, manchmal stehen sie etwas lose und verloren nebeneinander. Eric Kandel und das Gedächtnis kitten die Fugen, nichtsdestotrotz: Auf manches Mosaikstück hätte verzichtet werden können. Zum Beispiel, um Eric Kandel, dem brillanten Hirnforscher, noch etwas mehr Raum zu geben.

In einfachen Worten erklärt dieser die faszinierende Entdeckung, zu der er und seine Laborkollegen gelangten: Während sich die Synapsen, jene Kontaktstellen zwischen Nervenzellen, bei der Entstehung von Kurzzeitgedächtnis anatomisch nicht verändern, wachsen bei der Produktion von Langzeitgedächtnis neue synaptische Verbindungen. »Wow!«, fügt er hinzu, »Wow!«, wiederholt man in Gedanken beim Anblick des schwarzen Computerbildschirms, auf dem das orange-gelbe Wachstum von Axonkollateralen zu sehen ist, wie wachsende Wurzeln in Zeitrafferaufnahmen, begleitet von einem repetitiven Thema der leichten, elektronischen Musik, die häufig dann einsetzt, wenn es um die Forschungsergebnisse geht und einem das Gefühl gibt, gerade Teil von etwas irgendwie ganz Großem zu sein, selbst, wenn man es nicht so ganz versteht. Dieses Gefühl, diese Faszination zu wecken, dieses Interesse für neurowissenschaftliche Erkenntnisse und für den Brückenschlag von Psychoanalyse und Biologie, von dem Kandel spricht, das ist die beachtliche Leistung dieses Films.

Äußerst schwach hingegen nehmen sich jene Passagen aus, in denen versucht wird, in entsättigten Farben entschleunigte Erinnerungsepisoden nachzuspielen, die Kandel im Off aus seinem Buch vorträgt, während sich unangenehme Frequenzen langgezogener Töne in den Gehörgang fräsen, wahrscheinlich durch das Spielen auf Weingläsern erzeugt. Nicht deswegen schwach, weil es inszenierte Erinnerungen sind – niemand will schließlich mehr die Mär’ von der Authentizität, von der Unverfälschtheit dokumentarischer Aufnahmen bemühen. Aber was in einem anderen Kontext womöglich mit größerem Wohlwollen als künstlerische Reflexion der Tatsache verstanden würde, daß sich zu erinnern immer auch rekonstruieren bedeutet, immer auch ein kreativer Akt ist, läßt hier – womöglich der mangelnden Verfremdung wegen – zu sehr an zweitklassige Geschichtsdokus im Fernsehen denken. Nötig gewesen wäre das nicht. Viel lieber hätte man Kandel beim Erinnern betrachtet – und eigene Bilder zur Blüte getrieben, während die Synapsen knospen.
2009-06-26 10:11

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