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Rohtenburg

D 2006. R: Martin Weisz. B: T.S. Faull. K: Jonathan Sela. S: Sue Blainey. M: Steven Gutheinz. P: Senator Entertainment Co, Atlantic Streamline. D: Keri Russell, Thomas Kretschmann, Thomas Huber, Rainer Meissner, Angelika Bartsch, Alexander Martschewski, Nils Dommning, Marcus Lucas u.a.
88 Min. Central ab 18.6.09

Rosemaries Baby

Von Carsten Tritt Vornweg kurz, falls Sie wissen wollen, was Sie sich diese Woche im Kino ansehen sollen und nicht meine nachfolgenden Exkurse erdulden möchten: Nein, ersparen Sie sich Rohtenburg, das ist ein ganz unerträglicher Film.

And now for something completely different: Nachdem am (vermutlich) 29.10.1957 Rosemarie Nitribitt in einem bis heute noch nicht aufgeklärten Geschehensablauf in ihrer Frankfurter Wohnung ermordet wurde, inspirierte der Skandal innerhalb kürzester Zeit gleich zu zwei Filmen. Ob die Verwertung von Nitribitts Ableben durch Kunst und Kommerz damals ihre Persönlichkeitsrechte verletzte, wurde nicht geklärt – Nitribitts Erben sind hiergegen nicht vorgegangen, und so konnte auch Rolf Thieles Das Mädchen Rosemarie, eines der größten Meisterwerke des westdeutschen Nachkriegskinos, weniger als ein Jahr nach Nitribitts Tod Premiere feiern.

Als hingegen M., der als Kannibale von Rotenburg bekannt wurde, mit seiner Lebensgeschichte in nur wenig klausulierter Form für den Film Rohtenburg herhalten sollte, ging M. zivilrechtlich gegen den Film vor und gewann zunächst in zwei Instanzen – bevor der Bundesgerichtshof am 26.5.2009 nun die Urteile aufhob und die Vorführung des Films, der im Ausland bereits ausgewertet wurde, auch in Deutschland gestattete. M. scheint insgesamt wenig Glück mit der deutschen Justiz zu haben: Nachdem er bekanntlich einen Mann mit dessen Einwilligung tötete, um diesen zu verspeisen (um mit diesem zu »verschmelzen«, wie M. auch zitiert wird), wurde er erstinstanzlich zu achteinhalb Jahren Haft verurteilt. Der Bundesgerichtshof hob 2005 diese Entscheidung auf und wies eine Verurteilung wegen Mordes – und damit mit der zwingenden Folge lebenslanger Haft – an. Freilich gilt dieses BGH-Urteil nicht gerade als Zierde deutscher Rechtsprechungskunst. Auch dem Laien seien hierzu die Ausführungen von Anja Schiemann in der Neuen Juristischen Wochenschrift, Jg. 2005, S. 2350ff. wärmstens zur Lektüre ans Herz gelegt, in welchen die Autorin die Urteilsbegründung des BGH aufgrund der darin enthaltenen Unstimmigkeiten und Fehler demontiert.

Die Begründung der zivilrechtlichen Entscheidung des BGH zur Aufhebung des Rohtenburg-Verbotes ist zu dem Zeitpunkt, zu welchem diese Zeilen entstehen, hingegen noch nicht veröffentlicht. Jedoch läßt die Pressemitteilung des Gerichts Schlimmes erahnen: »Lebensgeschichte und Persönlichkeitsmerkmale der Hauptfigur des Films sowie die Darstellung des Tathergangs entsprechen nahezu detailgenau dem realen Geschehensablauf und der tatsächlichen Biographie des Klägers«, bescheinigt der BGH offenbar zunächst, sodann schreibt die Pressestelle des Gerichts über die Urteilsgründe: »Als Ergebnis der gebotenen Abwägung zwischen den Rechten des Klägers und der zugunsten der Beklagten streitenden Kunst- und Filmfreiheit müsse das Persönlichkeitsrecht des Klägers jedoch zurückstehen. Auch bestehe an der Tat ein Informationsinteresse der Öffentlichkeit. Der Spielfilm enthalte keine Verfremdungen oder Entstellungen und stelle den Achtungsanspruch des Klägers als Mensch nicht in Frage. Zwar berührten die Darstellungen den besonders schutzwürdigen Kern der Privatsphäre des Klägers. Weil diese Informationen sich unmittelbar auf die Tat und die Person des Täters bezögen, dürften aber auch solche Details geschildert werden.«

Nun ist schon die Behauptung des Gerichts, der Achtungsanspruch des Klägers als Mensch werde nicht in Frage gestellt, durchaus gewagt, muß sich M. in dem Film doch als der »Junge«, aus dem ein »Monster« wurde, bezeichnen lassen. Aber auch auf einige Schilderungen aus der Intimsphäre M.s hätte durchaus verzichtet werden oder zumindestens in weniger offensichtlich ausgelebter Schaulust dargelegt werden können. So erleben wir mit M. den Tod seiner Mutter, M. beim Kontakt mit Strichern, M. beim Wichsen vorm Computer u.s.w.

Wie die Abwägung zwischen Kunstfreiheit und den aus der Menschenwürde jedes einzelnen herrührenden Persönlichkeitsrechten ausfällt, sollte jeder Gesellschaft und jeder Kultur selbst überlassen werden: Sicherlich ist es vertretbar, wie mit der »Esra«-Entscheidung geschehen, von einem Künstler zu verlangen, einen Roman so zu gestalten, daß es nicht für alle erkennbar ist, wenn in diesem das Intimleben mit seiner namentlich bekannten Ex öffentlich aufgearbeitet wird. Andererseits ist es ebenso vertretbar, die Kunstfreiheit so weit zu fassen, daß hinter dieser Privatinteressen und Intimssphäre völlig zurücktreten. Es ist jedoch die in der Presseerklärung angedeutete Begründung, die zweifeln läßt: Der BGH begründet sein Urteil damit, Rohtenburg halte sich detailgetreu an den Geschehensablauf, verzichte angeblich auf Verfremdungen und Entstellungen. Soll das also bedeuten, daß es juristisch für den Film spricht, wenn sich Rohtenburg auf uninspirierte, trockene und vielleicht etwas sensationslüsterne Nacherzählung beschränkt? Folglich wäre also Das Mädchen Rosemarie, der den realen Fall zu einer beißenden Satire mit Witz und Gesangseinlagen verarbeitet und damit Nitribitts Einzelschicksal zu einer politischen und gesellschaftlichen Aussage erhöht, weniger schützenswert gewesen, denn dieser doch deutlich künstlerisch relevantere Film läuft sämtlichen Argumenten zuwider, die der BGH zugunsten Rohtenburg aufführt: Die sich abzeichnende Begründung pro Rohtenburg wäre somit gleichzeitig eine Argumentation contra Rosemarie.

Nun ist ein Verbot von Das Mädchen Rosemarie nicht zu befürchten. Über 50 Jahre nach Nitribitts Tod ist diese nun unzweifelhaft und endgültig Person der Zeitgeschichte, ihre Persönlichkeitsrechte sind schon aufgrund des Zeitablaufs inzwischen dergestalt zurücktretend, daß der Kunstfreiheit auch dann der Vorzug zu geben wäre, wenn Thiele mit seinem Film nicht dieses herausragende Niveau erreicht hätte, sondern eine Gurke im Stile von Eichinger schlimmen German-Classics-Mädchen Rosemarie-Remake abgeliefert hätte. Wenn Rohtenburg nun aber, wie höchstrichterlich festgestellt, eine Art der Verarbeitung von vermeintlich relevantem Zeitgeschehen ist, liegt es letztlich nicht an den Gerichten, sondern nun endlich am Zuschauer, das entsprechende Werk mit Mißachtung zu strafen. Selbst wenn, wie der BGH und Verleih behaupten, der Film sich detailgetreu an realen Geschehnissen orientieren soll, wird er dadurch zumindest nicht filmisch relevant. Die künstlerische Bedeutungslosigkeit des Films wird schon dadurch ersichtlich, daß er sich auf die inspirationsfreieste Art, die denkbar ist, dem Thema nähert: Protagonistin ist eine amerikanische Studentin, die für ihre Abschlußarbeit über M., der im Film Oliver Hartwin heißt, recherchiert. Dabei fährt sie nacheinander die Schauplätze ab – Hartwins Schule, das alte Haus seiner Mutter – und es wird erzählt, was dem Hartwin denn dort so passiert ist (»Hänsel und Gretel«-Lesen unter der Bettdecke, der erste schwule Freund, Wichsen vorm Computer – was halt alles so dazu führt, daß man Kannibale wird; Rückblicke in M.s Kindheit sind dabei natürlich in Super-8-Optik gehalten, das alles soll ja authentisch wirken). Letztlich lügt sich der Film sogar zu einer Aussage, die angesichts des zuvor Dargestellten schon als dreist bezeichnet werden muß, indem unsere Studentin am Ende, nachdem sie das Videoband, welches Hartwin vom Mord gefertigt hat, angeschaut hat, dieses zerstört, als ob hier einmal kurz der Zeigefinger gegen die dargestellte Schaulust dieses von vorne bis hinten voyeuristischen Films erhoben werden sollte. Als der Film im März 2006 ursprünglich ins Kino gebracht werden sollte, wurde er übrigens mit der ausgesprochen passenden Zeile »Manche Geschichten sollten nie erzählt werden…« beworben.

Zum Schluß noch ein kurzer Nachtrag: Regisseur Martin Weisz hat inzwischen einen weiteren Film gedreht, den US-Horror The Hills Have Eyes 2. Dieser wurde aufgrund seiner Darstellung von (diesmal rein fiktionaler) Gewalt im März 2008 von der Bundesprüfstelle indiziert und darf seither in seiner ungekürzten Fassung in Deutschland weder öffentlich angeboten noch öffentlich vertrieben werden, ohne daß hier jemand auf die Idee gekommen ist, in diesem Falle könnten irgendwelche Prioritäten der deutschen Zensurgesetze falsch gesetzt sein.

Noch eine letzte Anmerkung: Natürlich hätte in dem Artikel statt der Abkürzung »M.« auch der vollständige Name genannt werden können, da M. – zumindest zum derzeitigen Zeitpunkt – als mindestens relative Person der Zeitgeschichte eingeschätzt werden kann und sein Name auch allgemein bekannt ist. Spätestens wenn es zu einer Haftentlassung M.s kommen sollte, kann sich dies jedoch ändern – so gab es bereits Gerichtsentscheidungen, welche die Veröffentlichung der Namen ehemaliger RAF-Terroristen untersagten, da dies der Resozialisierung zuwider laufen könne. Da der »Schnitt« seine Archivartikel jedoch nicht regelmäßig nach nachträglich verbotenen Inhalten durchforsten will und M.s richtiger Name für die Rezension auch ohne Belang wäre, habe ich vorsorglich gleich zur Abkürzung gegriffen.

P.S.: Am 18.6.2009 wies uns Christian Steiger darauf hin, daß die Produktionsgesellschaft des Films Das Mädchen Rosemarie sich übrigens entgegen der Vermutung des Autors tatsächlich bemüßigt gesehen hat, von der Mutter (und Alleinerbin) der Rosemarie Nitribitt die Rechte zur Verfilmung des Falles zu erwerben; ob dies auch für die zweite Verfilmung, Die Wahrheit über Rosemarie aus dem Jahr 1959 gilt, ist nicht bekannt. Steigers Angaben dürften stimmen, zumal er der Autor des 2007 erschienenen Buches »Rosemarie Nitribitt. Autopsie eines deutschen Skandals« ist, derzeit das Standardwerk über den damaligen Skandal. Ich danke Herrn Steiger für den freundlichen Hinweis. Bezüglich der im Text angerissenen Problematik des Verhältnisses zwischen Kunstfreiheit und Persönlichkeitsrecht bleibt es daher umso offener, ob Thiele den Film auch hätte machen dürfen, wenn die Betroffenen nicht zugestimmt hätten, wie es der Bundesgerichtshof jetzt den Rohtenburg-Produzenten gestattet. Nach der aktuellen Rechtsauffassung des BGH wäre davon auszugehen, daß Das Mädchen Rosemarie wohl ohne die Zustimmung der Mutter nicht hätte gedreht werden dürfen, während der anspruchslose Rohtenburg oder auch der längst vergessene Die Wahrheit über Rosemarie, die auf größere künstlerische Ambitionen verzichtet haben, gegen den Willen der jeweiligen Hauptbetroffenen gemacht werden durften. So bleibt der Widerspruch, daß gerade derjenige Film, der durch Bearbeitung, und damit Verfremdung das betroffene individuelle Schicksal auf eine höhere, gesellschaftliche Ebene hebt, durch das »Informationsinteresse der Öffentlichkeit«, auf das der BGH in seiner Abwägung abstellt, weniger geschützt wäre.
2009-06-16 15:15

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