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Schattenwelt

D 2008. R,B: Connie Walther. B: Ulrich Herrmann, Peter-Jürgen Boock. K: Birgit Gudjonsdóttir, Olaf Aue. S: Karen Lönnecker. M: Rainer Oleak. P: Gambit Film & Fernsehproduktion, Next Film Filmproduktion. D: Franziska Petri, Ulrich Noethen, Tatja Seibt, Uwe Kockisch, Eva Mattes, Christoph Bach, Mehdi Nebbou, Rino Zepf u.a.
92 Min. Salzgeber ab 25.6.09

Der kleine Sohn des Gärtners

Von Sarah Sander In Bildern, denen die Farbe entzogen ist, und mit Figuren, deren Wortkargheit beredter als alle Erklärungen scheint, erzählt Schattenwelt ein Stück RAF-Geschichte, das deutsche Vergangenheit nicht aus dem Leben der Jetzt-Lebenden entläßt. Inszeniert wird das Rencontre eines ehemaligen RAF-Aktivisten mit der Tochter eines seiner (unbeabsichtigten) Opfer. Beide hat die Geschichte bis heute nicht losgelassen: Er saß 22 Jahre, sein halbes Leben, in Haft; seinen Gesten und seinem Körper soll die links-aktivistische Vergangenheit immer noch anzusehen sein (wie er redet, wie er sich bewegt, daß er kifft und daß er sich in der Welt »draußen« erst noch neu einrichten muß). Sie hat 22 Jahre, fast ihr ganzes Leben, auf eben diesen Moment gewartet; alles an ihrem Handeln, an ihrer Aktivität in diesem Film ist auf die Konfrontation mit der Vergangenheit, dem vermeintlichen Mörder ihres Vaters aus (wie sie ihr Leben lebt und nicht unter bürgerlicher Kontrolle hat, wie sie sich an ihn heranmacht, mit dieser unterschwelligen Unerbittlichkeit und wie sie mit der Supersoaker für den Ernstfall übt…).

Als sie sich das erste Mal begegnen, steht sie mit blutigen Händen vor seiner Tür. Auf dem Boden ein zerbrochenes Joghurtglas. Fast aufdringlich bittet sie um Hilfe. Bei aller narrativen Logik haftet diesem Bild etwas verstörend Bedrohliches an, ein düsterer Überschuß, der in der lakonisch-zwingenden Kontaktaufnahme mitschwingt. Erst einige Szenen später, auf einer gemeinsamen Getränkeholfahrt, wird dieses Etwas manifest: Valerie biegt plötzlich von der Straße auf einen Feldweg ab. Grüne Maisblätter peitschen die Autoscheiben; das Holpern und Ruckeln, die Geräusche sind unerträglich laut. Die Fahrt über die Schlaglochpiste wird zur subjektiven Panik- und Kamerafahrt: Der Weg durch die Felder ist eine Abkürzung zur Seichfeldvilla; der Villa, vor der die mißglückte Entführung des Bankdirektors damals, vor 22 Jahren, stattfand. Heute ist sie ein Shoppingcenter. Und doch ist da neben der Erklärung, daß Valerie nur eine Abkürzung nimmt, so eine dunkle Ahnung, ein audiovisuell manifestes Wissen, daß es noch andere Gründe für die Überschattung der aktuellen Situation gibt. Die junge, verstörend bestimmte Frau konfrontiert Widmer schließlich mit seiner Vergangenheit. Eine Vergangenheit, die in den leeren Ikearegalen seiner Wohnung, in fehlenden Sozialkontakten und den Radiomeldungen von seiner Entlassung ohnehin permanent vom Film präsentgehalten wird. Denn alles, was Widmer nach seiner Entlassung – in der Freiheit – erwartet, ist ein kleiner Haufen noch immer an ihm interessierter Journalisten und ein Haus voll mißtrauischer Spießbürger, in dem ihn seine Anwältin provisorisch einquartiert hat. Als ein Gartenfest zu einer betrunkenen Hetzjagd der Hausbewohner auf den ehemaligen RAF-Aktivisten wird, verbarrikadiert dieser sich in seiner Wohnung und schmeißt eher resigniert als ohnmächtig die leeren Ikearegale, Stühle und Couchtischchen übereinander. So leicht ist das neue Glück kaputtbar, so provisorisch die gepriesene »Freiheit«, so schwer Rehabilitation.

Schattenwelt entwirft nicht – wie andere aktuelle Filme zu diesem Geschichtskomplex – ein Tableau vivant deutscher Vergangenheit, das aus Springerpressefotos hinlänglich bekannt ist, Schattenwelt fokussiert in seiner Erzählung ein Kapitel dieser Geschichte, das üblicherweise ausgeblendet bleibt: die Aktualität eines Heute, in dem die Rote Armee Fraktion eigentlich schon Geschichte ist, in dem sie über ihre Spätfolgen jedoch weiter wirkt. Doch wie den Bildern die Farbe, ist auch der RAF-Geschichte in Schattenwelt der historische Kontext weitgehend entzogen. Der Film begnügt sich mit Anspielungen. Im Film hatte Widmers ehemaliges RAF-Kommando bei einer fehlgeschlagenen Entführung den Bankpräsidenten von Seichfeld und einen seiner Angestellten getötet. Recherchiert man die Biographie Peter-Jürgen Boocks, des Co-Drehbuchautors von Schattenwelt, dessen Mitwirken an dem Film der Regisseurin Connie Walther schon im Vorfeld Kritik eingebracht hat, so findet man interessante Parallelen: Peter-Jürgen Boock war selbst Mitglied der zweiten Generation der RAF – und an der mißglückten Entführung des Bankiers Jürgen Ponto ebenso beteiligt wie an der Hans-Martins Schleyers. Nach 17 Jahren wurde er 1998 aus der Haft entlassen – und lebt heute als freier Schriftsteller in der Nähe von Freiburg, dem Hauptschauplatz des Films. Diese geschichtliche Referenz bleibt in Schattenwelt jedoch folgenlos; der Film konzentriert sich nicht auf die historische Dimension linken Terrors im deutschen Herbst, sondern zeichnet das fiktive Psychogramm der Hinterbliebenen eines Terroraktes.

Die Opfer der RAF findet Schattenwelt dabei auf beiden Seiten der Geschichte – und leuchtet ihre Folgen quasi-psychoanalytisch aus: Als Valerie sich manisch der bis zuletzt verschwiegenen Wahrheit um den Tod ihres Vaters nähert, verwandelt sie sich zusehends physiognomisch in den »kleinen Sohn des Gärtners«, von dem die Zeitungen damals berichtet hatten, daß er die Tat mit angesehen hat. Eine augenfällige Inszenierung symptomatischer Trauma-Konfrontation, die in ihren plötzlich kurzen Haaren am offensichtlichsten Ausdruck findet. Bis hierher war alles, was die Geschichte der RAF betraf, immer schon geschehen, war irgendwann früher passiert – und war zwar mit Widmers Freilassung über Radio- und Fernsehnachrichten in die Filmhandlung gedrungen, doch immer medial distanziert. Jetzt aber implodiert die Distanz, und die Vergangenheit wird von der Gegenwart ihrer Protagonisten überholt. Schattenwelt stellt so die Frage nach dem Erbe der RAF und dem Umgang mit dieser bundesdeutschen Geschichte auf intelligente Weise neu.
2009-06-23 11:20

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