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Die Stimme des Adlers

S/D 2009. R: René Bo Hansen. B: Stefan Karlsson. K: Dixie Schmiedle. S: André Bendocchi-Alves, Jana Musik. M: Sebastian Pille, Steffen Kaltschmid. P: Stromberg Productions Film. D: Bazarbai Matei, Serikbai Khulan, Mardan Matei, Asilbek Badelkhan.
85 Min. Movienet ab 18.6.09

Der fremde Blick

Von Tamar Noort Irgendwo im Grenzgebiet zwischen Rußland, China und Kasachstan, wo der weite Himmel sich über Steppe und Berge erstreckt und die Natur den Menschen noch fest im Griff hat, ist diese internationale Koproduktion entstanden. Wenn Menschen aus Schweden, Deutschland und Dänemark ans andere Ende der Welt reisen, um über die 4.000 Jahre alte mongolische Tradition des Adlerjägers einen Film zu machen, dann wirft das zumindest Fragen nach der Authentizität des Gesehenen auf.

Kulturen anderer Völker kann man sich zu eigen machen, man kann über sie lesen und sich mit eigenen Augen ansehen, wie die Menschen leben. Um diese Lebensweise einzuordnen, legt der Außenstehende aber automatisch seine eigenen Parameter an. Wird das im Film nicht thematisiert, sondern stattdessen ein unverstellter, authentischer Blick auf die fremde Kultur behauptet, verliert der Film zwangsläufig an Glaubwürdigkeit.

Im Fall von Die Stimme des Adlers hat ein schwedischer Regisseur versucht, eine Geschichte über die zentralasiatische Kultur der Adlerjagd zu erzählen. Der kleine Barzabai, der seinem Vater als Adlerjäger nachfolgen soll, aber lieber aus der Region fortgehen möchte wie der große Bruder, ist ein Laiendarsteller aus der Mongolei, den die Filmemacher bei einem tatsächlichen Adlerfest aufgetan haben. Seine Biographie, so verkündet das Presseheft, ist geradezu deckungsgleich mit der Geschichte des Films. Doch es handelt sich nicht um einen Dokumentarfilm, sondern um eine inszenierte Geschichte. Und da zeigt sich recht schnell, daß bekannte Erzählmuster Einzug halten in die mongolische Steppe: Die Stimme des Adlers ist eine klassische Coming-of-Age-Geschichte. Barzabai legt sich mit seinem Vater an, weil sie unterschiedliche Vorstellungen davon haben, wie seine Zukunft auszusehen hat. Er löst sich von seinem Vater und muß auf der Reise Abenteuer bestehen, die ihn am Ende erkennen lassen, daß man Verantwortung für sich und andere übernehmen muß, wenn man erwachsen sein will.

Elegische Landschaftsbilder, wunderschöne Flugaufnahmen des Adlers – die Freundschaft zwischen Adler und Jungen sind am Ende also Beiwerk für eine Geschichte, die im Grunde überall hätte erzählt werden können. Die Kultur der Adlerjagd wird in den Dienst der Geschichte gestellt, sie dient nur als Transportmittel für den Konflikt zwischen Vater und Sohn. Dennoch versucht der Film, diese Kultur einfühlsam wiederzugeben – und landet bei einer betulichen Inszenierung, die sich sehr um Political Correctness bemüht und dabei den Blick des Außenstehenden auf die fremde Kultur deutlich entlarvt.

Es mag einleuchten, daß in der Mongolei selbst keine optimale Infrastruktur vorhanden ist, um einen Film zu produzieren. Dennoch fragt man sich, wie ein Film über die Adlerjäger Zentralasiens ausgesehen hätte, wäre er von den Menschen vor Ort gemacht worden.
2009-06-12 10:00

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