— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Drag Me to Hell

USA 2009. R,B: Sam Raimi. B: Ivan Raimi. K: Peter Deming. S: Bob Murawski. M: Christopher Young. P: Buckaroo Entertainment. D: Alison Lohman, Justin Long, David Paymer, Jessica Lucas, Sage Stallone, Fernanda Romero, Reggie Lee, Bojana Novakovitch u.a.
99 Min. Universal ab 11.6.09

Werk der Liebe

Von Jochen Werner Das comichafte Geisterbahn-Horrorkino zeigt sich seit Jahren beeindruckend unbeeindruckt von den Entwicklungen, die seit der Jahrtausendwende den internationalen Splatterfilm prägen. Während der nihilistische Splatter der 1970er Jahre in Hollywood geglättet und neu aufgelegt wird, der verspielt-sadistische Saw-Franchise demnächst in die 6. Runde geht und aus Frankreich eine transzendentale Versuchsanordnung in extremer Gewalt nach der anderen hervorgeht, entstehen weiterhin Jahr für Jahr neue semiprofessionelle Splatterkomödien um Zombieschafe, blutdürstige Aliens oder hungrige Untote. Die Meßlatte, an der man zuverlässig immer wieder aufs Neue scheitert, hat Peter Jackson 1993 mit Braindead gelegt, und was man in der Folge etwas aus den Augen verlor, ist der Horror in der Horrorkomödie. Zu den Grundsteinlegern dieser humoristischen Tendenz des Genres ist zweifelsohne Sam Raimi zu betrachten, der 1981 mit ein paar Kommilitonen in den Wald fuhr, mit wenig Budget und viel Phantasie The Evil Dead inszenierte und damit den harten Splatterfilm als exaltierte Comicphantasie neu interpretierte. Raimi freilich vergaß, im Gegensatz zu seinen unzähligen Epigonen, nicht, daß eine Horrorkomödie zunächst einmal auch ein Horrorfilm ist, und bei aller slapstickhaften Übersteigerung weist The Evil Dead eine ganze Reihe genuin unheimlicher Sequenzen und zahlreiche wirklich effektive Schreckmomente auf.

Mit seinem neuen Film Drag Me to Hell zieht es den Regisseur, der zwischenzeitlich mit der Spider-Man-Trilogie ein Hauptwerk des Blockbusterkinos vorgelegt hat, nun zurück zu seinen Ursprüngen – daran läßt bereits das zu Beginn von der Leinwand strahlende alte Universal-Logo keinen Zweifel. Aber Drag Me to Hell ist keine bloß auf Nostalgie getrimmte Retroveranstaltung im Geiste von Tarantinos und Rodriguez’ Grindhouse, sondern versucht durchaus, seiner konventionellen Erzählung einen individuellen Rahmen zu geben. Diese Erzählung ist zwar sicher nicht als originell zu bezeichnen, ist aber von ebenjener angemessenen Schlichtheit, die dem klassischen Horrorkino stets gut zu Gesicht stand. Die Bankangestellte Christine Brown muß sich, in Aussicht einer Beförderung, im Falle der kurz vor der Zwangsräumung stehenden Mrs. Ganush zwischen Menschlichkeit und Karriere entscheiden. Als sie sich, ihrem Gewissen zum Trotz, entschließt, der flehenden Frau die Hypothek zu kündigen, trifft sie der Fluch der alten Zigeunerin. Drei Tage lang wird sie der Dämon Lamia verfolgen und martern, bevor er schließlich, nach Ablauf dieser sehr wörtlich zu verstehenden Deadline, die Seele rauben und auf ewig in die Hölle hinabziehen wird. Mit Unterstützung ihres Freundes Clay, der am Geisteszustand der zunehmend Verzweifelten zu zweifeln beginnt, und des zwielichtigen Hellsehers Rham Jas versucht Christine nun, den Fluch zu überlisten.

Raimi vertraut im Grunde auf ein stets wiederkehrendes und einigermaßen durchsichtiges Schema in der Inszenierung seiner Schockeffekte: Insbesondere die exzessive Emphase auf die ohrenbetäubende Tonspur, die jeden visuellen Schreck mit infernalisch-atonalem Kreischen, Quietschen und Dröhnen begleitet, zählt eigentlich zu den simpelsten Techniken, den Zuschauer zu manipulieren. Im Fall von Drag Me to Hell aber geht diese Taktik voll und ganz auf: Wie schon Raimis drei Evil Dead-Filme ist auch seine Rückkehr zum Horrorgenre eine atemlose Achterbahnfahrt, eine rasante Folge maßgeschneiderter Schocks, lustvoll ausgespielter Schleim- und Ekeleffekte und grundsolide gespielter wie inszenierter Zwischensequenzen, welche die Erzählung niemals völlig aus den Augen geraten lassen. Raimi erweist sich einmal mehr als ein begnadet effektiver Filmemacher, der sein Publikum zu lenken versteht. Anders als das Gros der bisherigen Produktionen des von ihm ins Leben gerufenen Labels Ghost House Pictures, das unter anderem die US-Versionen von Takashi Shimizus hyperpostmoderner The Grudge-Reihe und David Slades mißratene Comicadaption 30 Days of Night produziert hat, nimmt man diesem Film jedoch ohne Weiteres ab, daß es sich hier um ein Werk der Liebe handelt. Einer etwas nerdigen und nicht immer ganz geschmackssicheren Liebe zu Popcorn, Schleim, Blut und standardisierten Plotkonstrukten, zugegeben – aber doch ehrlich empfundene Liebe, einhergehend mit genügend Respekt vor dem Zuschauer, diesen nicht mit lustlos Heruntererzähltem abzuspeisen. Überdies läßt sich Drag Me to Hell nämlich auch, durchaus schlüssig, als Parabel auf eine durchkapitalisierte Welt lesen, deren Fluch die instrumentelle Vernunft ist und in der eine einzige falsche Entscheidung einen Protagonisten bis an sein – vorgezogenes – Lebensende verfolgen kann. So kann es auch für die Protagonistin keine Vergebung mehr geben, ist doch die alte Mrs. Ganush bereits verschieden, als Christine schließlich um Erlösung flehen will. Nur in ihren Wachträumen und Halluzinationen taucht sie weiterhin höchst lebendig auf und bringt das nötige Quantum an Schleim, Speichel und anderen Körperflüssigkeiten in den Film.

Letztlich bleibt also nur der Konflikt mit dem Dämon selbst, der sich zunächst in expressionistisch angehauchten Schattenspielen zeigt und schließlich in einer effektvoll aus dem Ruder laufenden Séance (unterschiedliche) Gestalt annimmt. Diese Konfrontation führt Christine letztlich in einen moralischen Zwiespalt, als sie herausfindet, daß sie den Fluch weitergeben und so einen anderen Menschen zum Tode verurteilen kann. Ihr Dilemma ist also letztlich ein ökonomisches: Der Gewinn an Lebenszeit, den sie zu erringen strebt, wird zwangsläufig einem von ihr höchstpersönlich zum Tode verurteilten Mitmenschen zum Verlust. Somit würde der Sieg unter Zuhilfenahme dieser Denkweise recht eigentlich zur moralischen Niederlage, und zum endgültigen Selbstverlust angesichts ebenjener Form des Handels, die den Dämon erst beschwor.
2009-06-08 10:13

Medien

© 2012, Schnitt Online

Sitemap