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Korankinder

BD/D 2008. R,K: Shaheen Dill-Riaz. S: Andreas Zitzmann. M: Eckart Gadow. P: Mayalok.
86 Min. Mayalok ab 4.6.09

Eine Gretchenfrage

Von Martin Wertenbruch In einer rappelvollen Klasse einer »Madrasa« (Koranschule) sitzen dicht gedrängt vorne einige Reihen von Jungen und dahinter einige Reihen von Mädchen. Ein gestrenger Lehrer doziert über die Bedeutung guten Benehmens; worum es an diesem Ort gehe. Zur Illustration kreiert er ein Bild von einem Stück Eisen. Eisen sei schwerer als Wasser und würde normalerweise darin versinken. Erhitze man aber das Eisen bis es glühe, könne man es mit einem Hammer solange bearbeiten, bis eine Platte entstehe. Und aus dieser Platte könne wiederum etwas Nützliches geformt werden. Mit großen Gesten untermalt der Lehrer seine Metapher, er hämmert mit der Faust auf seine Handfläche und fügt hinzu, daß es das sei, worum es hier gehe – um das Formen seiner Schülerschaft. Wer das überstehe, so fährt er fort, aus dem werde etwas Nützliches. Wie ein Boot, das auf dem Wasser schwimme.

Schwimmendes Eisen scheint dem bengalischstämmigen Regisseur und Filmemacher Shaheen Dill-Riaz ins Auge gefallen zu sein, der zuletzt mit seinem 2007 entstandenen, preisgekrönten Dokumentarfilm Eisenfresser in Erscheinung getreten ist. Während er sich seinerzeit der Ausbeutung von Wanderarbeitern auf Schiffsabwrack-Werften in Chittagong, Bangladesh, widmete, nimmt er in seinem neuen Dokumentarfilm bengalische Koranschulen ins Visier.

Genauso wenig behutsam, wie die Lehrmethoden in den gezeigten Madrasas wirken, nimmt sich der Einstieg des Filmemachers in die Sphäre der strenggläubigen Muslime in Bangladesh aus. Sein erster gefilmter Besuch bei einer Koranschule endet damit, daß er mit einem Plastikstuhl bedroht und seine Filmerei als unislamisch bezeichnet wird. Dennoch schafft er es, durch die »richtigen«, überwiegend verwandtschaftlichen Beziehungen, Zugang zu und Drehgenehmigung für einige Madrasas zu erlangen. Es gelingt ihm überdies, einige Jungen in ihrer raren Freizeit zu begleiten. Diese Kinder mit ihren fremdartig schwankenden Bewegungen beim Rezitieren der Suren und den abgestumpften Blicken in die Kamera stehen im Vordergrund der Dokumentation. Ihre Eltern glauben, im Jenseits besser dazustehen, wenn einer ihrer Söhne die Koranschule besuche. Deshalb, so sagen sie, melden sie die Kinder lieber dort, als auf einer staatlichen Schule an, die zweifelsohne einen breiteren Fächerkanon zu bieten hätte.

Shaheen Dill-Riaz mißtraut den elterlichen Argumenten und begibt sich auf die Suche nach alternativen Meinungen und Erklärungen. Auf der Suche nach Gegenstimmen und Einsichten schafft er eine Verknüpfung zwischen der Thematik und seiner persönlichen Biographie. Diese gipfelt darin, daß er seinem Vater die Gretchenfrage stellt, die er schon so lange mit sich herum getragen hatte; die Frage nach dessen Verhältnis zur Religion.

An einigen Stellen blitzt die Ästhetik des Rezitierens auf. Hier läßt sich erahnen, was es heißen muß, sich »im Takt der kosmischen Zeiten« zu wiegen. So richtig schlüssig will die Argumentation zwar nicht gelingen. Aber vielleicht verdeutlicht dies gerade die Gegensätzlichkeit der Positionen religiös vs. säkular. Und wie der Vater letztlich seine Antwort schuldig bleibt und ein Geheimnis aus ihr formt, so bleibt der Zuschauer irgendwie berührt zurück – mit einem kleinen Fragzeichen auf der Stirn.
2009-06-02 14:34
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