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Rückenwind

D 2009. R,B: Jan Krüger. K: Bernadette Paaßen. S: Ute Schall. M: Tarwater. P: Salzgeber. D: Sebastian Schlecht, Eric Golub, Iris Minich, Denis Alevi u.a.
75 Min. Salzgeber ab 4.6.09

Natur ohne Experimente

Von Christian Lailach Was soll das? Der Künstler mit dem Zipfel in der Hand ruft dem wartenden Pöbel zu, dieser Goliath hätte eigentlich ein David werden sollen. 'tschuldigung, hat nicht geklappt. Na und, schallt da der Pöbel, wenn einer statt eines Davids einen Goliath schafft, ist das doch bravourös! Applaus! Applaus! Applaus!

Ursprünglich sollte Rückenwind ein »experimenteller erotischer Essay« werden. Zwei Jungen mit Rucksack und Drahtesel unterwegs durch die brandenburgische Steppe. Sie kommen sich näher, verirren sich, verlieren sich, stranden auf einem einsamen Hof. Am Ende ist einer von ihnen übrig; gefangen im Netz seiner Gedanken, deren Wahrheitsgehalt plötzlich infrage steht. Drumherum eine Parabel von Fuchs und Hase. Ganz gut geeignet für einen Essay. Gern auch experimentell. Wenn's sein muß auch erotisch. Doch was wurde aus diesem zugegebener Maßen bereits gewagten Vorhaben? Eine theoretisch wie dramaturgisch aufgeladene, ermüdende Geschichte. Dumpfes schwules Kopfkino. Nicht einmal zu einer Alliteration hat's gereicht.

Von Experiment ist weit und breit nichts zu sehen. Paassens Kamera ist ruhig, klassisch, makellos. Doch nützt dies dem Film nicht, wenngleich es ihm auch nicht schadet. So wird im Schnitt auch nichts versucht, wiewohl aber hier viel verhindert. Erotik, beispielsweise. Sie liegen am Waldboden, kleine Machtspielchen, die schlammigen Hände wandern vom Gesicht über die Brust, den Bauch in die – Zack! – Spinnennetz – Zack! – Raupe auf Blatt – Zack! – Makro Ahornblatt – Zack! – Oder doch Linde? Scheune. Das gleiche Spiel. Stöhnen auf Sonnenaufgang, über Feldern, Stromleitungen – Oh! – ein Storchennest – Äh! Schwul! Schwalbennest. Symbolik, wo keine Symbolik hingehört, geschweige denn passen würde. So verkrampft wurde schon lange nicht mehr mit dem Thema Sexualität umgegangen. Zumal verbal ganz offen ausgesprochen wird, was bildlich im wahrsten Sinne verblümt bleibt. Wir sind zusammen. Seit zwei Monaten.

All dies hätte im Essay nicht sein müssen. Raus aus dem Alltag! Rein ins Abenteuer! Besser geworden wäre es allemal, da die Absicht keine schlechte war. Sie schimmert noch immer durch die dünne Haut des Zelluloids; doch fassen kann sie dich nicht. Wär' Krüger doch beim David geblieben, murmelt da einer wieder und wieder, nachdem der Applaus verstummt. 2009-06-03 17:46
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