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The Limits of Control

USA 2009. R,B: Jim Jarmusch. K: Christopher Doyle. S: Jay Rabinowitz. M: Boris. P: Entertainment Farm, PointBlank Films. D: Isaach De Bankolé, Alex Descas, Jean-François Stévenin, Luis Tosar, Bill Murray, Tilda Swinton, Gael García Bernal, John Hurt u.a.
116 Min. Tobis ab 28.5.09

Broken Limits

Von Sebastian Gosmann Handelt es sich bei The Limits of Control um einen klassischen Fall von »Form over Substance«? Viel Tamtam – und nichts dahinter? Nach Meinung vieler Kritiker wäre The Limits of Patience wohl ein wesentlich treffenderer Titel für Jim Jarmuschs neuen Film. David Edelstein, Chefkritiker des New York Magazine, bezeichnete ihn gar als »leersten Film, der je gedreht wurde«. Daß das Werk in derlei Kreisen auf so wenig Gegenliebe stößt, ist überaus erstaunlich, ist man doch durchaus geneigt zu denken, daß gerade dort eine gewisse Häufung jenes Typs Mensch vorzufinden sei, der ganz bewußt einen nicht unwesentlichen Teil seiner Lebenszeit darauf verwendet, sich wieder und wieder in die Bilderfluten und Klangsphären des Kintopp zu stürzen und – im Idealfall – darin zu verlieren. Denn eben diese Möglichkeit bietet The Limits of Control.

Es ist Kino für Cineasten; reich an visueller Eleganz, technisch perfekt, eigenwillig und erhaben. Eine sinnliche Erfahrung für den Zuschauer und zugleich Experimentierfläche für den Filmemacher. Jarmusch läßt viel Interpretationsraum. Aber warum auch nicht? Verbindlichkeit war des Meisters Ansinnen nie, auch wenn er mit seinem letzten, bis dato kommerziell bei weitem erfolgreichsten Film Broken Flowers einen gehörigen Schritt in Richtung Zuschauerfreundlichkeit gegangen ist.

Nun steht uns eben ein ausgemachter Kunstfilm ins Haus, dessen kryptischer Plot eher einer strengen Versuchsanordnung als einer greifbaren Story folgt. So wird The Limits of Control für diejenigen, die sich von der Handlungsarmut und der repetitiven Dramaturgie des Films abgestoßen fühlen, bloß eine ebenso prätentiöse wie narzißtische Fingerübung darstellen, während dem kontemplationswilligen Zuschauer, der sich der meditativen Stimmung dieses mutigen Films hinzugeben in der Lage ist, wahrer Kunstgenuß zuteil wird.
Jarmusch löst für seinen schweigsamen »Lone Man« eine Eintrittskarte für die Kunstausstellung der Reina Sofia, läßt ihn Schubert auf Platte hören und in eine beeindruckende, vor Intimität bebende Flamencoprobe hineinplatzen. Zwischen Klassik und Volksliedgut wird unser Gehör verwöhnt von wunderbar erdigem, träge vor sich hin feedbackendem Doom-Metal, während unsere Augen von Christopher Doyle nach allen Regeln seiner Bildkunst verführt werden und die rätselhaften Figuren ungestört über ihre Liebe zur Musik, zum Film, zur Malerei – zu den Künsten allgemein – monologisieren dürfen.

Am Ende möchte man Jarmusch gar, ganz verzückt von der beherzt-kulturoptimistischen Botschaft seines Films, zuprosten: »Auf dich, du ewiger Flaneur, Du Bohemian! Ohne dich wäre die Kinolandschaft immer noch um einiges ärmer.«
2009-05-28 16:29

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