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Der letzte Applaus

El último aplauso. D/RA/J 2008. R,B: German Kral. K: Ricardo DeAngelis, Sorin Dragoi. S: Ulrike Tortora. P: German Kral, Happinet.
88 Min. Arsenal ab 21.5.09

Der Tango des Chinesen

Von Kristina Schilke Die Bar »El Chino« in Pompeya, einem Viertel am Stadtrand von Buenos Aires, macht einen dermaßen vergammelt unhygienischen Eindruck, daß sich Touristen nicht freiwillig hierhin wagen würden, wäre da nicht diese Musik, die jeden Abend daraus erklingt. In der Bar »El Chino«, die nach ihrem Besitzer El Chino (Der Chinese), der kein Chinese ist, benannt ist, singen nämlich seit fast dreißig Jahren Tangosänger ohne Mikrophon und Technik, allein mit ihrer Stimme und Gitarrenbegleitung traditionelle Tangolieder. Und um die geht es hier – um die Sänger. Die einmal sangen in der Bar. Denn die existiert schon nicht mehr, genauso wie ihr Besitzer, womit die meisten älteren Sänger nicht nur ihre praktisch einzige Einkommensquelle verloren haben, sondern auch den liebsten Ort in ihrem Leben.

Man muß eine Liebe empfinden für diese dreckige Stadt, um von 1999 bis 2006 immer wieder mit längeren Pausen dazwischen in ihr zu drehen, glücklicherweise wurde der Regisseur German Kral in diese Liebe hineingeboren, ist doch Buenos Aires die Stadt, in der er das Licht der Welt erblickte. Erst mit Anfang zwanzig nahm er sein Filmstudium an der Hochschule für Fernsehen und Film in München auf. Diese Natürlichkeit im Umgang mit der Stadt merkt man dem Film an, er nimmt die für westliche Augen exotisch wirkenden Mängel als selbstverständliche Bilder auf und reduziert die Stadt weder auf Armut, noch versteckt er diese.

Das Ganze war ein Herzensprojekt von Kral, man zeigte mit dem Finger auf diese Bar und diese Sänger, man ließ ihn hineinhören, und er fing zu filmen an. Diese, von einer körnigen, wackeligen Kamera eingefangenen Anfangsbilder des Films, die gesanglichen Zusammenkünfte in der Bar »El Chino«, bilden auch den Höhepunkt von Der letzte Applaus. Als Europäer ist man verzückt vor so viel volkstümlichem Tango. Dann läßt Kral die Sänger, allesamt faszinierende und mit Humor gesegnete Gestalten, von denen die älteste Singende 81 Jahre alt ist, zu Wort kommen in ihren Zimmern, vollgestopft mit südamerikanischem, entwaffnend ehrlichem Kitsch. Immernoch ist man verzückt.

Doch dann merkt man allmählich und gegen Schluß stärker, im Kinosaal hat man für diesen Film nicht den richtigen Ort gefunden. Mit seinen Soap-Opera-ähnlichen Handlungssträngen und quasi gestellten Szenen, mit seinem kleinen Format – außer dem Thema in jeglicher Hinsicht – ist das schlicht und einfach kein Film für das Kino. Denn so lobenswert Krals Absicht auch war, den alten Tangosängern mit Hilfe eines ausfindig gemachten traditionellen Tango-Orchesters die Chance auf einen möglicherweise letzten bravourösen Auftritt zu geben, und so ansteckend auch der von Luis Borda produzierte Soundtrack ist, so sehr merkt man, daß sich bei dieser »Plot«-Wendung mehr und mehr eine Art Drehbuch einschleicht, das erfüllt werden muß, und auch die Kamera paßt sich dem an, verwackelt nicht mehr sympathisch die Bilder, sondern schleicht sich wie eine Leihstaffage von Pro7 von unten an die Sänger heran und nimmt dieses rohe Stück Authentizität weg, das den Film noch am Anfang prägte. So bleibt gegen Schluß mit dieser Entwicklung nichts anderes zu machen übrig, als die Musik langsam und nachhaltig in seine Ohren sickern zu lassen, langsam und nachhaltig.
2009-05-19 10:15

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