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Simons Geheimnis

Adoration. CDN 2008. R,B: Atom Egoyan. K: Paul Sarossy. S: Susan Shipton. M: Mychael Danna. P: Ego Film Arts. D: Scott Speedman, Rachel Blanchard, Keneth Welsh, Devon Bostick, Aaron Poole, Katie Boland, Noam Jenkins, Arsinée Khanjian u.a.
100 Min. X-Verleih ab 21.5.09

Halb Fiction

Von Jakob Stählin Jegliche Form von Gewalt beginnt im Kopf. So abgedroschen und jusohaft diese These sein mag, gleichermaßen sinnig ist sie bei näherer Betrachtung. Atom Egoyan, der seit Jahren für eigenwilliges Autorenkino bekannt ist, geht es, konträr zu zahlreichen filmischen Aufarbeitungen menschlicher Greueltaten, in Simons Geheimnis lediglich um eben deren Ursprünge. Das geschriebene Wort biedert sich zwar als Medium gegenüber dem Film stärker an, um gedankliche Strukturen und deren physische Resultate zu erörtern, doch nicht nur der arme Werther und seine Gefühle, die ihm schlußendlich des Lebens überdrüssig machen, können als Paradebeispiele der romantischen Rezeption einer Welt fungieren, die in all ihrer Kälte ein ich-bezogenes Individuum vernichten kann, sondern eben auch gesprochene Sätze, wabernde Musik und leuchtende Bilder.

Den Ball ins Rollen bringt Simons Lehrerin, die den Jugendlichen dazu ermutigt, eine erfundene Geschichte aus dem Leben seiner verstorbenen Eltern so zu präsentieren, als sei sie real passiert. Sein Vater sei Teil eines terroristischen Plans gewesen und habe seinerzeit versucht, ein Flugzeug zu sprengen. Die Geschichte wird publik, und es entbrennt eine Diskussion um politische und menschliche Werte, nicht zuletzt von Seiten derer, die einst in der vermeintlich betroffenen Maschine saßen.

Es ist eine Fiktion in der Fiktion, das klassische »Minus und Minus ergibt Plus«. Egoyan bleibt seinem präzisen, teils etwas kühlen Blick treu, inszeniert seine Farce zwar verschachtelt, aber stets stringent und erhellt den Zuschauer mit altbekannten Verhaltensmustern: Wut und Haß führen zu Wut und Haß, Paranoia macht paranoid. Die starke erste Stunde des Films ist eine reine Meditation bar jedweder Erklärungssuche, die in ihrer vermeintlichen Antwortvielfalt stets nur Fragen erzeugt. Wieviel erfahrene Gewalt rechtfertigt Gegengewalt? Kann man anerzogene Werte kritisieren, gar strafrechtlich verfolgen? Der Kniff, der Simons Geheimnis vor der Prätention bewahrt, ist simpel. Es ist der unerbittlich über dem Film thronende Konjunktiv, der den Rezipienten straucheln macht und dessen Einsatz durchaus mutig ist, bedenkt man, welch Schauwerte andersgesinnte Produktionen über Terrorismus feilbieten.

Die beste Szene des Films spielt dort, wo der gutbürgerliche Mittelstand Terror erfährt: im Schlafzimmer. Simon videophoniert mit seinen Freunden, die um die Lüge wissen und sichtet Chatrooms, in denen die vermeintlich Betroffenen der fiktiven Beinahekatastrophe ihre Gefühle artikulieren. Es ist verbale Gewalt, die sich hier offenbart, sobald die Diskussion in den Schatten rückt und zwei Parteien kein Konsens ereilt; schon wird in überzogener Manier die eigene Position verteidigt, die Opfer- und Heldenrolle zugleich eingenommen und miesepetrig im Kämmerlein der Vergeltungsschlag ersonnen. In verworrenen, pixeligen Close Ups auf Simons Laptopbildschirm wird der Kontrast zwischen der einerseits eben gerade durch die Medien stets verfügbaren Gewalt und der daraus resultierenden Distanz in seinem Gefüge immanent. Im Hintergrund läuft Musik der Post-Rock-Band Godspeed You! Black Emperor, die dramatisierend einen Konflikt fern des gesprochenen Wortes andeutet. In solchen Momenten ist Egoyan rundes Kino gelungen.

Um den Film zu entlasten, wird der Plot leider etwas arg zu Ende gedacht, und so verliert sich Simons Geheimnis gegen Ende etwas zu sehr in seiner Rahmenhandlung, deren Fäden es nicht zusammenzuführen galt, da sie rein thematisch nicht notwendig ist. Daß der Nachwuchsschauspieler Devon Bostick in der Hauptrolle nicht wirklich überzeugen kann, ist auch schade, doch aufgrund der Reduziertheit der Figur Simon zu verkraften; und er wird nicht zuletzt durch überaus sehenswerte Leistungen der stets bezaubernden Arsinée Khanjian und dem sehr zurückgenommenen Scott Speedman aufgefangen, die dem Film trotz seiner offensichtlichen Schwächen neben seiner inhaltlichen Schwere eine sympathische Note geben.

Egoyans Welt ist düster, aber romantisch. Hier kann aus Konflikten noch eine Umarmung werden, obgleich die Bombe, die hier nicht hochgeht, mehr Zündstoff bietet als so manche stumpfe Nacherzählung eines Anschlags. Letztendlich mag dieser Film zwar nicht aus dem vielschichtigen Œuvre des Kanadiers herausstechen, doch zeigt sich eindrucksvoll, wie federleicht ein schweres Thema angegangen werden kann, selbst wenn – oder gerade weil – es an der Wurzel angepackt wurde: im Geiste.
2009-05-20 11:25

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