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Boy A

GB 2007. R: John Crowley. B: Mark O'Rowe. K: Robert Hardy. S: Lucia Zucchetti. M: Paddy Cunneen. P: Cuba Pictures. D: Andrew Garfield, Peter Mullan, Katie Lyons, Shaun Evans, Jeremy Swift, Anthony Lewis, Alfie Owen u.a.
100 Min. Senator ab 7.5.09

Unglaublich nah, extrem leise

Von Susan Noll Das Schöne an der Großaufnahme ist die Nähe zum Gesicht des Schauspielers, in dessen Zügen und Minenspiel sich Geschichten erschließen, immer neue Facetten einer Persönlichkeit auftun. Der Eindruck, den man durch die fehlende räumliche Distanz gewinnt, ist ein gänzlich subjektiver, ein persönliches und intimes Porträt des Charakters, der filmischen Figur. Fast glaubt man, in sie hineinzuschauen und sie in diesem Moment voll und ganz zu begreifen, sogar selbst zu dieser Figur zu werden. Die Großaufnahme kann in diesem Fall eine fast hypnotische Wirkung auf den Zuschauer ausüben, sie zieht ihn ganz nah heran an das, was man auf poetische Weise den Spiegel der Seele nennt, weiht ihn ein in die Wahrnehmung der Figur und läßt ihn für einen kurzen Moment durch ihre Augen sehen. Dann sind Außen und Innen eins; ein Ziel, das sich in der Kunst umsetzen läßt, im Leben aber Schwierigkeiten aufwirft und an der menschlichen Existenz rütteln kann, worüber Boy A von John Crowley referiert.

Daß die Selbstwahrnehmung der eigenen Person nicht immer notwendigerweise mit dem Blick anderer gleichzusetzen ist, erklärt sich im Alltag von allein. Schauen allerdings viele mächtige Medienaugen auf den Einzelnen, ist das Bild, das entsteht, ein ohnehin verzerrtes. Die Folgen, die eine medial-gesellschaftliche Kommunikation über einen Menschen haben kann, sind zumeist fatal:
Wenn ein Junge von zehn Jahren einen Mord an einem Mädchen begeht, wird im allgemeinen versucht, die Ursachen für die Gewalttätigkeit in einfachen Erklärungen zu finden und so schnelle, bequeme Lösungen zu bieten. Im Falle von Jack, dem Protagonisten, stürzt sich die Regenbogenpresse wie ein Schwarm pickender Tauben auf den Jungen. Sie zerreißen ihn, betiteln ihn als Monster und schließlich als »Boy A«. Name und Identität des Kindes sollen geschützt bleiben, und so erfinden sich die Medien eine eigene Identität für das, was sie als abgrundtief böse ansehen. Wegsperren ist hier das Motto, bloß nicht zu sehr mit dem eigentlichen Problem auseinandersetzen. All dies zeigt der Film in achronologisch eingestreuten Rückblenden. Denn im Fokus steht der erwachsene Jack, ein junger Mann, der keine Jugend gehabt hat und jetzt nach langer Haftstrafe unter einem anderen Namen und mit einem neuen Lebenslauf ausgestattet ein Reintegrationsprogramm absolvieren soll, dessen Vergangenheit aber bald von den Medien aufgedeckt und ausgeschlachtet wird.

Crowleys Film ist keine vordergründige Medienkritik, sondern erzählt die leise Geschichte eines jungen Mannes, der verstehen will, wer er selbst ist, weil er nur Bilder von sich kennt, die andere von ihm entworfen haben. Ein subjektives Porträt entsteht, eine Innensicht. Der Blick in den Spiegel dient hier als inszenatorisches Leitmotiv, das beschreibt, mit welchem Zwiespalt Jack zu kämpfen hat. Er sieht zwei Personen, die eine ein Jugendlicher wie jeder andere auch, der tanzen geht, sich verliebt, einen Job und Freunde findet, die andere ein Verbrecher, ein kaltblütiger Mörder. Daß die Erklärungen für das Verbrechen selbst sehr einfach und unzulänglich sind – Jack wurde von einem anderen, traumatisierten Jungen, der mißbraucht wurde und darüber Aggressionen entwickelte, zum Mord angestiftet – und damit ganz dem Medienklischee entsprechen, ist zwar ärgerlich, tut der behutsam erzählten und ästhetisch anspruchsvoll umgesetzten Geschichte aber keinen allzu großen Abbruch. Denn der Film lebt vielmehr vom intensiven Spiel seiner Darsteller, die es auf eine sehr berührende Weise verstehen, den emotionalen Schwebezuständen ihrer Figuren Ausdruck zu verleihen, und von seiner bewußt subjektiven Inszenierung und Ästhetik, die nah an Gesichter heranführt, Lichter und Farben heraustreten läßt und das feste Bild auflöst.
2009-05-05 15:08

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