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Material

D 2009. R,B: Thomas Heise. K: Peter Badel, Thomas Heise, Jutta Tränkle, Börres Weiffenbach. S: René Frölke. P: MA.JA.DE., ZDF, ARTE.
166 Min. Arsenal Institut ab 14.5.09

Die Geschichte ist ein Haufen

Von Mark Stöhr So kann eine Karriere auch beginnen. 1980, Ost-Berlin, Prenzlauer Berg. Das Viertel gehörte noch nicht den Brillenträgern aus dem Westen, sondern war ein sozialer Brennpunkt, in dem allerhand Kleinganoven ihr Unwesen trieben. Einem Freund von Thomas Heise, damals Filmstudent, wurde das Motorrad gestohlen. Statt zur Polizei zu gehen, machten sie sich selbst auf die Suche nach den Dieben. Ein Brüderpaar geriet unter Verdacht. Hier beginnt der Film, der den Ausspruch eines Dozenten nach der ersten Sichtung im Titel führt: Wozu denn über diese Leute einen Film? Ein Film über Randständige und Kleinkriminelle? Das konnte der Hochschulleitung nicht gefallen. Denn Heise sitzt mit den Brüdern in der Küche und läßt sich aus ihrem Leben erzählen. Ganz arglos plaudern sie drauflos und sprechen nicht ohne Stolz über ihre krummen Dinger. Die Mutter kommt dazu, schimpft über den Vater, den nutzlosen Trinker, und herzt mit den Augen ihre Jungs. Heise greift nicht ein und richtet nicht, sondern hört zu und läßt die Kamera laufen. Eine Provokation. Die Titelwahl machte das Faß voll. Wozu denn über diese Leute einen Film? führte zum vorzeitigen Abbruch seiner Ausbildung. Bis zur Wende war er faktisch mit einem Arbeitsverbot belegt.

Doch Heise hat immer weitergedreht. Nun hat er sein Kellerarchiv geöffnet und Bilder, Fragmente und Notizen nach oben gebracht, die er in anderen Filmen nicht unterbringen konnte und die zum Wegschmeißen zu wertvoll waren. Manches VHS-Band stand kurz vor der Auflösung. Material heißt die knapp dreistündige Montage, ein monumentales Filmgedächtnis, in dem die Geschichte vom Ende der 1980er Jahre bis in die Gegenwart in assoziativen Schleifen verläuft. »Man kann sich die Geschichte länglich denken«, sagt Heise aus dem Off, »sie ist aber ein Haufen.« Ein Haufen disparater Dramaturgien und Materialien. Das ist das Strukturprinzip von Material.

Das erste Bild: spielende Kinder in Halle 1989, eine Abbruchlandschaft, ein fast träumerisches Stilleben vor dem Einbruch der Geschichte. Dann die brutale Räumung der besetzten Häuser in Berlin-Friedrichshain am 14. November 1990, ein apokalyptisches Inferno, für Heise die erste Duftmarke des wiedervereinigten Deutschlands. Spätestens da »waren die Köpfe nicht mehr mit Ideen, sondern mit Produkten vollgestopft«, sagt er. Es geht zurück ins Jahr 1988. Fritz Marquardt inszeniert Heiner Müllers Stück »Germania Tod in Berlin« am Berliner Ensemble. Das Stück stand 18 Jahre auf dem Index. Die Geschichte ist ein Haufen. Der 4. November 1989: Großdemonstration auf dem Alexanderplatz, Heise filmt nicht die Redner, sondern die Gesichter der Zuhörer. Später treten Gefängniswärter und Gefangene vor die Kamera, die neue Zeit läßt jeden zu Wort kommen. Und sie setzt ungeahnte Aggressionen frei. 3. Oktober 1992, Premiere von Heises Film Stau – Jetzt geht’s los in Halle. Drinnen im Kino sind die Kulturschaffenden und die Protagonisten des Films, junge Nazis, draußen linke Autonome, die das Gebäude mit Steinen bewerfen. Barrikaden werden errichtet, Flaschen fliegen, während die Bilder weiter über die Leinwand huschen.

Zwischen Wozu denn über diese Leute einen Film? und Material liegen fast 30 Jahre. Das eine ein Sozialporträt, das andere ein komplexer Geschichtsessay. Heise hat sich in seiner künstlerischen Karriere immer mehr vom linearen Erzählen entfernt und den offenen Montagen zugewandt. In Material fährt die Kamera das Modell eines Gefängnisses ab. Ein Gefangener hat es gebaut. Er saß im gleichen Gefängnis ein wie Erich Honecker während des NS-Regimes. Als DDR-Staatsratsvorsitzender fuhr er einmal im Jahr dorthin und ließ sich die beweglichen Scheinwerfer und Figuren vorführen. Im Film gibt es keinen Hinweis auf diesen Hintergrund. Hätte Heise nicht in einem Interview davon erzählt, wäre man nie darauf gekommen. »Das Material bleibt unvollständig«, schreibt er in einem Begleittext. »Es ist, was ich aufgehoben habe, was mir wichtig blieb. Mein Bild.«
2009-05-12 10:24

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