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Ichi – Die blinde Schwertkämpferin

Ichi. J 2008. R: Fumihiko Sori. B: Kan Shimosawa. K: Keiji Hashimoto. S: Mototaka Kusakabe. M: Lisa Gerrard. P: FUNimation Entertainmen, Rapid Eye Movies, Shochiku Company u.a. D: Haruka Ayase, Shido Nakamura, Yôsuke Kubozuka, Takao Osawa, Kazuma Chiba, Akira Emoto, Yoshihiro Ishizuka, Mitsuki Koga u.a.
120 Min. Rapid Eye Movies ab 14.5.09

Ein Schwert, ein Stock, ein Damenunterrock

Von Daniel Bickermann Wer eine »Hamlet«-Inszenierung besucht, gleichgültig ob im Theater oder auf Film, tut dies aller Wahrscheinlichkeit nach nicht, um sich von den Plotwendungen überraschen zu lassen. Längst achtet man weniger auf die altbekannte Handlung als vielmehr auf die Variationen und die Zwischentöne, die immerneuen Bedeutungen, die der immergleiche Stoff annehmen kann. Dies gilt insbesondere für modernere oder interpretatorische Inszenierungen, wenn Hamlet beispielsweise als weiblicher Charakter von Sarah Bernhardt, Anna Dickinson oder Angela Winkler verkörpert wird.

Eine direkte Parallele erlebt man nun in der aktuellen Variation des »Zatoichi«-Stoffs nach der legendären Romanvorlage von Kan Shimozawa, in der Drehbuchautor Kan Shimosawa und Regisseur Fumihiko Sori die Titelrolle als junge Goze-Sängerin interpretieren statt wie üblich als angegrauter Landstreicher und/oder Masseur. Die Kenner werden die Versatzstücke des bekannten Stoffs erkennen: das im Blindenstock versteckte Schwert, der berühmte Rückhandschwung, der Ausflug in die Würfelhalle, die marodierenden Gaunerbanden, die ein unschuldiges Dorf terrorisieren – dies alles sind feste Motive, die so sicher kommen wie der Selbstmordmonolog auf Helsingör.

Nun gehen Shimosawa und Sori mit dem großen Nachteil ins Rennen, daß der japanische Großmeister Takeshi Kitano erst vor wenigen Jahren einen ebenso ikonoklastischen wie mehrheitsfähigen Zatoichi vorgelegt hat, der als wegweisende Neuinterpretation gelten darf. Und aus diesem Schatten kommen die Macher auch durch den Geschlechterwechsel der Hauptfigur nicht heraus. Sicher, Kameraneuling Keiji Hashimoto gelingen fabelhafte Bilder von verschneiten Landschaftspanoramen, er hält die elegante Stilisierung gemeinsam mit einem beinahe irreal schönen Setdesign und pittoresken Kostümen bis in die Kampfsequenzen hinein aufrecht. Die entschieden unjapanische Musik der Weltreisenden Lisa Gerrard ist ebenso interessant. Letztlich aber haben Schauspieler und Drehbuch der simplen Schwarzweißmalerei des alten Plots nicht viel hinzuzufügen: Haruka Ayase mag schön und mysteriös wirken, sie hat aber einfach nicht die wettergegerbte, traurige Tiefe, die man von dieser ikonischen Figur erwartet und die man hier schmerzlich vermißt; Takao Osawa kommt als ihr Sidekick nicht mal dann aus der Tollpatschigkeit heraus, als sich sein Charakter zum heimlichen Helden wandeln soll, und Shido Nakamura, der als Oberbösewicht Banki wie eine aufgedunsene japanische Tarantino-Variante aussieht, vergißt vor lauter Grimassenschneiden und abfälligem Schnaufen jeglichen Schauspielauftrag. Vor allem aber fehlt die Sympathie: Bei Kitano waren die Trottel und die Transvestiten, die Infantilen und Invaliden noch die eigentlichen Helden, Zatoichi war nur ihr ebenso abgerissener Erwecker. In dieser Neuversion dagegen bleiben selbst die Heldenfiguren Reißbrettideen ohne echten Empathiewert.

Inszenatorisch immerhin ist Ichi faszinierend, weil Editor Mototaka Kusakabe den modernen japanischen Schnittstil auf die Spitze treibt: Er hält geduldig die gemäldeartigen Einstellungen, die den Zuschauer in falscher Sicherheit wiegen und den Kontrast zum zwangsläufig kommenden Jump Cut noch verstärkt (der in diesem Genre idealerweise gleich auch von einem tatsächlichen Schwertschnitt begleitet wird); er springt bevorzugt vom Close Up in die Total und vom langen Panorama ins minutiöse Detail, von kalter weißer Schneelandschaft in rotgefärbte Schlafzimmer, von Dunkelheit zur blendenden Überbelichtung, von Romantik zu Demütigung und zurück. Es ist das Kino der Kontraste, das den westlichen Zuschauer manchmal schockiert und manchmal erleuchtet.

Regisseur Sori versucht sich derweil mit inszenatorischen Anklängen an Kurosawa und Leone, dieser ewigen ost-westlichen Bruderschaft – selbst vor einem Doppelgesichtsbild à la Bergman schreckt er nicht zurück. Wäre doch nur die Geschichte ebenso ambivalent und vielseitig ausgefallen wie die Form. So bleibt Ichi nicht mehr als eine hübsch anzusehende, aber letztlich apokryphe Kuriosität im »Zatoichi«-Kosmos, die der eine oder andere Freund des Genres interessiert zur Kenntnis nehmen wird. Die Neulinge in der Kunst des blinden Schwertkampfs sollten sich dagegen erstmal den Klassikern zuwenden.
2009-05-12 11:15

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