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Im Sog der Nacht

D/CH 2009. R: Markus Welter. B: Moritz Gerber, Michael Sauter. K: Pascal Rémond. S: Cécile Welter. M: Michael Sauter. P: HesseGreutert Film AG, greenskyfilms, SWR, SF DRS. D: Nils Althaus, Stipe Erceg, Lena Dörrie, Mia Hesse, Nina Hesse, Samuel Weiss, Urs Bihler, Martin Ostermeier u.a.
86 Min. Falcom ab 14.5.09

Mit einem Ohr im Grab

Von Daniel Bickermann Was sagt man zu einem jugendlichen Nachbarn, der gerade versucht hat, sich mit einem alten Armeegewehr den Schädel wegzublasen und der sich stattdessen aus lauter Unvermögen nur ein Ohr abgeschossen hat? »Ich mag Dich jetzt schon«, feixt der Draufgänger Chris den blutenden Trottel an. Später wird er den schüchternen Roger schon mal »unseren kleinen van Gogh« nennen.

»Ein Film von Markus Welter« prangt vor und nach dem Film auf der Leinwand, und selten war diese schon immer umstrittene Aneignung eines »Filmautoren« irreführender als hier. Denn der Film Im Sog der Nacht, von Welter durchaus routiniert inszeniert, von Kameramann Pascal Rémond wunderschön Schwarz auf Schwarz beleuchtet, von Michael Sauter mit einer exzellenten Musik unterlegt und von einem Trio junger Schauspieler streckenweise furios gespielt, schuldet seine massiven Qualitätsschwankungen keinem der bisher Genannten, sondern allein Moritz Gerber und seiner teils ausgezeichneten, teils unerträglichen Drehbuchadaption des Romans von Fredrik Skagen. Gerbers Drehbuch erinnert dabei an den Protagonisten: Das eine Ohr für die Alltagssprache ist intakt und scheinbar sehr alert, das andere scheint vollkommen zerstört.

Wenn die Dialogexperimente gutgehen, dann hört sich das so an: Trifft ein maskierter Bankräuber auf ein Ehepaar mit Tochter. Er schaut die drei an und verkündet trocken: »Ein Einzelkind? Das sollten Sie sich nochmal überlegen. Werden immer Zyniker. Bin auch ein Einzelkind.« Da zückt man dann als Zuschauer schon mal den Hut vor so viel Originalität der Figur und soviel geschickter Doppelbödigkeit des Drehbuchs. Auch der Gedanke, daß beim angespannten Streit im Fluchtauto plötzlich einer furzt und lauthals prahlt: »Der stand schon die ganze Zeit quer«, das ist schon ganz großes Drehbuchtennis.

Wenn Gerbers Skript dagegen versagt, dann bricht es gleich metertief ein in klischierte Dialoge wie aus den Klassenkampfdramen der 1930er Jahre: »Tausend Träume und Wünsche und jeden Tag einer mehr. Davon geht auch nichts in Erfüllung«, seufzt dann einer, und ein anderer antwortet: »Hör auf zu jammern. Heute ein neues Auto und morgen die ganze Welt. So ist das.« Erschrocken fällt dem Zuschauer angesichts soviel Künstlichkeit und mangelnden Dialoggespürs die Kinnlade in den Schoß. Kein Subtext, nirgends.

Zwischen diesen beiden Polen schwankt zwangsläufig der ganze Film: Streckenweise wirkt er schlimm und ausgedacht, dann wieder überraschend smart und originell. Anfangs meint man sich überrollt von einer völlig unrealistischen Talfahrt, in der wir den noch unbekannten Protagonisten von Party zu Partydrogen zu Trickdiebstahl zu Autodiebstahl zu Bankraub folgen sollen – innerhalb von nur zehn Minuten ist das selbst für ein deutsches »Wir sind jung und perspektivlos«-Drama rekordverdächtig. Anschließend wiederum stellt sich die Bankraubidee als gar nicht so blöd und an den Haaren herbeigezogen raus, wie man das im deutschen Kino sonst gewohnt ist. Stattdessen werden die Spannungen innerhalb des Dreiergespanns nach vollbrachter Tat genauer beleuchtet, und auch diese vermeintlich vorhersagbare Klischeekonstellation aus dem gefährlichen Pärchen mit sensiblem Überschußmann endet nicht so wie man das erwartet hätte. So stolpert das Drehbuch, und mit ihm der Film, abwechselnd durch Stadien der Verzückung und der Erbärmlichkeit; es wirkt voller Potential, hätte aber vielleicht noch ein paar weitere Korrekturfassungen vertragen können, um die teils haarsträubenden qualitativen Ausfälle auszubessern.

Die besten Momente des Films sind dann allerdings nicht nur den Höhenflügen des Autors und dem durchgehend starken Bild- und Tondesigns geschuldet, sondern auch einem bemerkenswerten Schauspielertrio. Der Jungschweizer Nils Althaus hinterläßt mit seiner schwierigen Figur des depressiv-sensiblen Mitläufers vielleicht den größten Eindruck, aber auch der immer verläßliche Stipe Erceg als durchgeknallter Adrenalinjunkie und die Neuentdeckung Lena Dörrie, deren kantiger, aber auch erotischer Charme an eine junge Frances McDormand erinnert, empfehlen sich da, wo ihre Dialoge es zulassen, für größere Aufgaben. Alle drei sind sie ausgemergelte Gestalten, die sich gierig ins Nichts stürzen, aber ihnen gelingen eben auch Momente der Komik, der Leidenschaft, der Ruhe, sogar der liebevollen Nähe, meist unterstützt von einer im deutschen Film selten so subtil gesetzten Musik.

Mit derart starken Schauspielern machen sich dann auch kleine, feine Bruchlinien in den vermeintlich so abgebrühten Helden bemerkbar, die letztlich zur eigentlichen Stärke eines sonst recht geradlinigen Films werden. Als Roger seine neuen Freunde vor dem Bankraub fragt: »Habt ihr sowas schon mal gemacht?«, drucksen sie herum, bis sich Chris schließlich zurücklehnt und mit gespielter Lässigkeit murmelt: »Das erste Mal ist immer das schönste.« Der ganze Film ist ein Experiment auf hohem Niveau, und sein rauher und teilweise unfertig wirkender Charme mag manchen Zuschauer ebenso ratlos zurücklassen wie sein letztlich doch sehr konstruierter Gangsterplot. Aber es gibt hier trotzdem manches zu entdecken. Und vielleicht wird das zweite Mal, diesmal mit einem noch etwas konstanteren Drehbuch, dann ja noch schöner.
2009-05-13 10:15
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