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Ricky

F/I 2008. R,B: François Ozon. K: Jeanne Lapoirie. S: Muriel Breton. M: Philippe Rombi. P: Eurowide. D: Alexandra Lamy, Sergi Lopez, Mélusine Mayance, André Wilms, Arthur Peyret, Jean-Claude Bolle-Reddat, Julien Haurant, Marilyne Even u.a.
90 Min. Concorde ab 14.5.09

Flügge

Von Mary Keiser Herzlichen Glückwunsch! Es ist ein…? Gar nicht so leicht zu beantworten. Denn ein Baby kann vieles sein: ein Wunder, ein Geschenk Gottes, ein Junge, ein Mädchen, eine Möglichkeit, die Beziehung zu retten, oder eine Prüfung für die Liebe der Eltern. Vor allem aber ist es ein Wesen aus Fleisch und Blut, das unten in die Windeln kackt, was es oben aus der Brust der Mutter saugt.

François Ozon verknüpft abstrakte Vorstellungen mit nackten Tatsachen, nicht nur in Bezug auf Baby Ricky, sondern auch auf das ganze Drumherum, die Mutter, die Eltern, die Familie, die Gesellschaft, das Leben und den Tod.

Der Tagesablauf der alleinerziehenden Katie besteht aus Routine, Essen, Arbeiten, Schlafen, ein Leben, das aufs Überleben reduziert ist. Es fehlt nur noch die Befriedigung der sexuellen Triebe. In der Fabrik fängt der kräftige Paco Katies Blick auf, es folgen wenige Worte, ein Quickie auf dem Klo, zusammenziehen, ein Kind kriegen.

Das alles passiert so unkompliziert wie bei einer Vogelfamilie: Balz, Paarung, Nestbau, Brüten. Zunächst wirkt es, als ob Katies Tochter Lisa nicht mit der plötzlichen Erweiterung der Familie zurechtkäme, aber instinktiv kümmert sie sich um ihren Bruder wie vorher um ihre Babypuppen.

Die rudimentären und stummen Konflikte der Familie könnten aus »Expeditionen ins Tierreich« stammen, man wünscht sich den Kommentar eines hinter dem Vorhang versteckten Heinz Sielmann. Konsequenterweise wachsen dem kleinen Ricky einige Wochen nach der Geburt Flügel. Der vorher wahrhaftig als animalisch bezeichnete Paco ist inzwischen fort, was Katie aber nicht sonderlich zu stören scheint. Sie akzeptiert ihr Kuckuckskind so, wie es ist. Mit gelassener Pragmatik mißt sie die Vogelschwingen aus und paßt die Strampelhöschen der ungewöhnlichen Anatomie des Kindes an.

Die Konzentration auf die biologischen Aspekte des Menschseins und die fleischliche Detailverliebtheit vor allem beim Flügelwachstum erinnern an David Cronenbergs »body horror«. Ozon verknüpft die sehr haptischen Bilder mit mythologischen Aspekten. Wieder spielt er mit den verschiedenen Rollen einer Frau, auch Katie ist Hure und Heilige. Erst vernachlässigt sie egoistisch ihre Tochter, um sich mit Paco zu treffen, dann opfert sie sich selbstlos für ihr Neugeborenes auf.

Als ihr die Schnur entgleitet, an der sie Ricky vor den Reportern herumfliegen läßt, fliegt Ricky davon – ein Sinnbild des Todes? Das legt zumindest der weitere Gang der Geschichte nahe.

Der Film basiert auf der Kurzgeschichte »Moth« von Rose Tremain, und tatsächlich gleicht Rickys Verhalten einer Motte, wenn er um die Lampen im Kinderzimmer oder im Supermarkt flattert. Das Ende allerdings erinnert an das alte deutsche Märchen »Das Tränenkrüglein«, bei dem die Mutter ihrem toten Kind noch einmal begegnet, das sie bittet, loszulassen, und sie damit von ihren Qualen erlöst.

Die Einflüsse sind allzu vielfältig und verwirrend. Ozon führt absichtlich auf falsche Fährten, um die Richtung des Films dann radikal zu ändern – vom kargen Sozialdrama zur Tragikomödie mit Special Effects. Dieses wilde Experimentieren macht den Zuschauer allerdings unfreiwillig zum Versuchskaninchen, das nicht mehr weiß, wie ihm geschieht.
2009-05-11 10:24

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