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In Berlin

D 2009. R,B: Michael Ballhaus. R,B,K: Ciro Cappellari. B: Herbert Schwarze. S: Karl Riedl. M: Terranova. P: Cineplus.
97 Min. Farbfilm ab 14.5.09

Belichter der Großstadt

Von Carsten Tritt Regiearbeiten begabter Kameramänner sind nur selten völlig uninteressant. Die Dialoge bei Jan de Bont beispielsweise mögen großer Mist sein – optisch ist Twister trotzdem ein Genuß. Ballhaus versucht sich nun mit seinem Kollegen Cappellari als Regisseur im Dokumentarfilmgenre, und sicherlich ließen sich einige der Vorwürfe, die Mark Stöhr auf Seite 68 dieses Heftes gegenüber Hans-Christian Schmid erhebt, auch auf ihren Film übertragen. Was aber egal ist, denn In Berlin überzeugt schon alleine durch eine Bildgestaltung, die selbst für einen Spielfilm sensationell wäre; erst recht ist sie es für einen Dokumentarfilm, der größtenteils daraus besteht, Statements zahlreicher Protagonisten einzufangen. Jeder Bildausschnitt ist stimmig gewählt, jede Blende ist perfekt eingestellt, und ständig wird wunderbar mit Farben und Kontrasten gearbeitet: allein schon die zwei Einstellungen im Festspielhaus, in denen das kühle Bühnenlicht und die warme Beleuchtung des Zuschauersaales aneinanderstoßen, als wäre ein großer Monitor ins Bild eingeschoben. Und überhaupt ist In Berlin ein einziges Ideal dessen, wie man aus den Möglichkeiten und Freiheiten der HD-Handkamera schöpfen kann und dennoch einen äußerst ruhigen Film erzielt.

Zusammen mit ihrem Editor Karl Riedl haben Ballhaus und Cappellari es erreicht, diese Aufnahmen ohne jede unnötige Zelebration der Bilder zu montieren. Von außen durch die offene Wohnungstür gefilmt wird etwa gezeigt, wie sich der Regierende Bürgermeister, dessen Lebensgefährte und ein Intendant herzlich begrüßen – alles Leute, die wissen, wie man sich im Beisein einer Kamera inszeniert, und gerade deshalb war es so wichtig, die Einstellung genau bis zu dem Moment beizubehalten, in dem der Intendant nach Abschluß der Begrüßungszeremonie dann doch kurz in die Kamera guckt. Der Film gewinnt nicht zuletzt durch solche Brechungen seine Lebendigkeit, und so kann In Berlin nichtmals vorgeworfen werden, daß seine Bildkompositionen dem nüchtern-dokumentierenden Blick zuwiderläuft, obschon selbst diese Brechungen zutiefst Besonnen genutzt wurden.
2009-05-07 10:13

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Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #54.
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