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Eldorado

B/F 2008. R,B: Bouli Lanners. K: Jean-Paul de Zaetijd. S: Erwin Ryckaert. P: Versus, Prime Time Audivisual, Lazennec & Associés, Mobilis. D: Bouli Lanners, Fabrice Adde, Michael Abiteboul, Philippe Nahon, Didier Toupy, Françoise Chichéry, Stefan Liberski, Baptiste Isaia u.a.
80 Min. Kool ab 14.5.09

Kein Land mit Milch und Honig

Von Susan Noll Belgien hat nun ein neues Road Movie. Eldorado führt den Zuschauer durch die weiten Landschaften aus Feldern und Wäldern der Wallonie, die schön im Sonnenlicht dalägen, würde nicht ein plötzlicher Sturzregen die Idylle zerstören. Elie und Yvan, erst seit kurzem miteinander bekannt und schon zweckmäßig aufeinander angewiesen, tropft es von allen Gliedern. Ein alter Wohnwagen muß da als Unterschlupf herhalten, und weil die Klamotten naß sind, zieht man sich eben die alten 70er-Jahre-Blumenvorhänge an. Auf ihrem Weg an die französische Grenze haben Elie und Yvan wiederholt mit den Widrigkeiten der Natur zu kämpfen, und sei es in Form von ein paar Nudisten, die sie nach einem Zwischenstop gar nicht mehr gehen lassen wollen.

Auch wenn sie auf den ersten Blick völlig unterschiedlich scheinen, haben Elie und Yvan doch sehr viel gemeinsam: Beide haben ihre Familien enttäuscht und sich darüber selbst kaputt gemacht. Elie will ein letztes Mal versuchen, den Kontakt zu seinen Eltern zu verbessern. Für den Bus fehlt das Geld, und da hilft ihm nur ein Einbruch in irgendein Haus, um an die nötigen Spesen zu kommen. Yvan erwischt ihn, verzichtet aber auf eine Anzeige im Angesicht des sichtlich angeschlagenen jungen Mannes. Er nimmt ihn schließlich in seinem alten Chevrolet Richtung Frankreich mit.

Der plötzliche Einbruch des Unerwarteten, sowohl als humoristische Szene als auch in Form von schockierenden Situationen, ist typisch für diesen leisen Film, der sich in manchen Momenten zu einem stummen Schrei der Traurigkeit erhebt. Denn so skurril und witzig die Charaktere auf den ersten Blick wirken, so tief ist schließlich die Einsicht in ihre verletzten Seelen, die der sparsam eingesetzte Dialog gewährt und den die Kamera mit großer Zurückhaltung beobachtet. In der größten Überspitzung blitzt dann die größte Wahrhaftigkeit auf, die zeigt, wie hart und gleichzeitig witzig das Leben sein kann. Die Kargheit eines Aki Kaurismäki und die Verschrobenheit eines Jim Jarmusch vereinend, inszeniert Bouli Lanners ein minimalistisches Road Movie, das die Bedeutung der Straße auf feinsinnige Art einzufangen weiß. Die Reise als Weg zu sich selbst, zur Erkenntnis, das Unterwegssein als Ausdruck des Gefühls von Freiheit und Hoffnung funktioniert also nicht nur auf den Highways der USA, sondern kann auch stimmig nach Belgien exportiert werden, ohne dabei an Faszination und Ausdrucksvermögen zu verlieren.
2009-05-08 10:13

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #54.
© 2012, Schnitt Online

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