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Tangerine

D/MA 2008. R,B: Irene von Alberti. K: Birgit Moeller. S: Silke Botsch. M: Zeid Hamdan. P: Filmgalerie 451, Kasbah-Film. D: Sabrina Ouazani, Nora von Waldstätten, Naima Bouzid, Alexander Scheer, Nohad Sabri, Saidaa Lachir, Kawtar Hadine, Till Trenkel u.a.
95 Min. Filmgalerie 451 ab 14.5.09

Tanger Lesson

Von Oliver Baumgarten Pia und Tom, ein junges Pärchen aus Deutschland, ziehen für einen Sommer in die marokkanische Hafenstadt Tanger. Sie sind Musiker, interessieren sich für marokkanische Folkloremusik und spüren ihr in den lebendigen Straßen der geheimnisvollen Metropole nach. Sie geben sich in dieser doch fremden Umgebung kulturinteressiert, betont weltoffen, absolut tolerant und fühlen sich schon deshalb insgesamt überhaupt nicht deutsch, mit anderen Worten: typische junge Deutsche im Ausland. In den Abendstunden ziehen sie durch die Cafés und Clubs der Stadt und treffen eines Tages auf Amira, eine junge Marokkanerin. Pia freundet sich mit ihr an, während auch Tom ihrem Charme sofort wehrlos erliegt, sich auf eine Affäre einläßt und Amira verspricht, sie mit nach Deutschland zu nehmen. Eine harte Probe für das deutsche Paar und eine noch härtere Probe für die Völkerverständigung.

Irene von Albertis Langfilmdebüt Tangerine besticht in erster Linie dadurch, nicht denselben Fehler seiner Protagonisten zu machen und der marokkanischen Kultur mit westeuropäischen, mit deutschen Moralvorstellungen zu begegnen. Dabei schildert Tangerine das Verhalten der beiden Deutschen gar nicht mal als »Fehler«, sondern als natürliche und unvermeidbare Reaktion beim Aufeinandertreffen zweier unterschiedlicher Kulturen, die am Ende des Films eben zu komplett unterschiedlichen Emotionen führt: schlechtes Gewissen hier, ungläubige Heiterkeit dort. Tangerine gelingt als deutschem Film das Kunststück, Einblicke in das Leben marokkanischer Frauen zu geben, ohne dabei in die Perspektive und Maßstäbe der deutschen Figuren zu verfallen, ohne zu werten und ohne einen touristischen Blick anzunehmen. Die Schauspieler, allen voran die aus Abdellatif Kechiches Filmen bekannte Sabrina Ouazani sowie Nora von Waldstätten, haben mit ihrem sympathischen und präzisen Spiel erheblichen Anteil an der wirklich entwaffnenden Natürlichkeit des Films, die ihn zu einem unprätentiösen, uneitlen und trotzdem intelligenten Genuß machen.
2009-05-08 11:13

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #54.
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