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Das Neuss Testament

D 2008. R: Rüdiger Daniel. B: Wolfgang Neuss. K: Jörg Jeshel, Claus Judeich. S: Vera Bogdahn. P: Rundfunk Berlin-Brandenburg.
72 Min. Dibsfilm ab 30.4.09

Als friedlicher Bürger

Von Oliver Baumgarten Wolfgang Neuss ist eine wahrhaft schillernde Figur der deutschen Nachkriegsunterhaltung, die wie kaum eine andere zu spalten verstand. Denn ausgerechnet der Mann, der sich als Frontsoldat absichtlich einen Zeigefinger wegschoß, bohrte metaphorisch in seinen frühen Kabarettprogrammen selbigen permanent äußerst schmerzhaft in jene Wunden der jungen Bundesrepublik, die sie durch den betäubenden Aufschwung stets zuzupflastern bemüht war. Liebten und verehrten ihn die einen als scharfzüngigen Kabarettisten, als den »Mann mit der Pauke«, begannen ihn die anderen zu verachten als bestenfalls Kommunisten, schlimmstenfalls Nationalverräter, dessen größtes Vergehen 1962 darin bestand, vorab per Zeitungsannonce den (von der Oma) erratenen Mörder des Durbridge-Straßenfegers Das Halstuch zu verraten, um die Menschen vom Fernseher weg ins Kino zu treiben. Woraus Christoph Schlingensief heute eine zurecht gefeierte Performance machen würde, das zwang Wolfgang Neuss damals zum langsamen öffentlichen Rückzug. Als vom konservativen Lager kampagnenartig verfolgter Bürgerschreck, APO-Aktivist und später wiederholt wegen Haschischkonsums Verurteilter trat er später nur noch sehr selten auf und verweigerte alsbald auch sein Äußeres betreffend komplett die Bürgerkonvention.

Seine Scharfzüngigkeit allerdings sollte er sich bis zum Schluß bewahren, was nicht zuletzt die Aufnahmen von Rüdiger Daniel beweisen, die 1989 drei Tage vor Neuss’ Tod in dessen Wohnung entstanden sind und die den Kern von Das Neuss Testament bilden. Neuss selbst erzählt uns darin seine Lebensgeschichte mit dieser unerbittlichen und doch weichen und markanten Stimme, die in feinem Berlinerisch einst so scharf die bundesrepublikanische Politik seziert hatte. Begleitet werden diese Aufnahmen in Vera Bogdahns Montage von den in Zusammenhang solcher Biographie-Dokumentationen üblichen historischen Aufnahmen, darunter – echte Höhepunkte – Exzerpte aus Mitschnitten verschiedener Kabarettprogramme von Wolfgang Neuss. Auch die heute unvermeidlichen Zeitzeugeninterviews dürfen nicht fehlen, auch wenn sie hier schon mal etwas anders ausfallen als sonst gewohnt. »Ich bedaure sehr«, sagt zum Beispiel die in der Einblendung als »Neuss Geliebte« bezeichnete Gisela Groenewold einmal scheinbar ganz fernsehmäßig betroffen, »ich bedaure sehr, sehr, daß Wolfgang die Wiedervereinigung nicht mehr erlebt hat.« Nach einer Pause dann, als ihr klar wird, sie könne mißverstanden werden: »Was hätten wir zu lachen gehabt!«

»Ach das könnte schön sein / als friedlicher Bürger / sein ehrbares Leben / so ganz auszukosten!« Als Räuber verkleidet sang Wolfgang Neuss dieses Lied 1957 gemeinsam mit seinem legendären Kabarettpartner Wolfgang Müller in Kurt Hoffmanns Das Wirtshaus im Spessart. Ein friedlicher Bürger, das wird in Rüdiger Daniels Erinnerung an das selbsternannte »Ungeheuer von Loch Neuss« deutlich, ein friedlicher Bürger ist er nie geworden. Als aufrechter Bürger aber hat er seinen Frieden am Ende mit dem Land gemacht, noch 1983, als er in einer Talkshow dem Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker zurief: »Auf deutschem Boden darf nie wieder ein Joint ausgehen, Richie!« Und so aufrecht und konsequent, wie er zu Lebzeiten zu seinen Überzeugungen gestanden hat, so ist er auch gestorben: im Sitzen. »Meine Zeit«, hat der zuletzt nahezu Zahnlose einmal gesagt, »ist gekommen, wenn die Welt wieder so zum Lachen ist, daß es sich lohnt, dritte Zähne anzuschaffen.« Zahnlos oder nicht: Sein Biß fehlt der Nation – schon zwanzig Jahre lang.
2009-04-30 12:30
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