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Phantomschmerz

D 2008. R,B: Matthias Emcke. K: Ngo The Chau. S: Martina Matuschewski. M: Maurus Ronner. P: Film1. D: Til Schweiger, Jana Pallaske, Stipe Erceg, Luna Schweiger, Ralf Dittrich, Julia Brendler, Carina Wiese, Yvo Rene Scharf u.a.
98 Min. Warner ab 30.4.09

Vokuhila Superstar

Von Sascha Ormanns »Dies ist meine Geschichte…«, diesen Satz schreibt der Protagonist gleich in der ersten Szene, und die darauffolgende Sequenz läßt den Zuschauer die erste direkt einordnen, es ist nun deutlich, daß es sich um einen Zeitsprung handelt, schnell ist klar: Wir haben die Zukunft gesehen. Und somit die Auflösung. Positiv formuliert könnte man von Mut sprechen, oder vom Vertrauen, das die Macher ihrer Geschichte beziehungsweise ihren Schauspielern entgegenbringen; realistisch betrachtet bedeutet die Entscheidung, die Essenz von Phantomschmerz an den Anfang zu montieren, den schnellen Dramaturgie-Tod des Films. Wäre doch der Zweifel am Fortgang der Geschichte, sprich: am Schicksal des Protagonisten, die einzige Möglichkeit gewesen, das Interesse des Zuschauers aufrecht zu erhalten.

Zweifelsohne ist es Filmen schon gelungen, durch ein Aufbrechen der Chronologie eine Geschichte, die geradlinig erzählt schlicht weniger interessant gewesen wäre, spannender zu gestalten. Und es gab auch Filme, die das Ende bereits am Anfang angedeutet, es gar vorweggenommen haben; allerdings konnten diese dann, im Gegensatz zu Phantomschmerz, entweder durch eine bestechende Inszenierung oder durch die darstellerische Leistung überzeugen, im besten Fall sogar durch beides.

Matthias Emcke gelingt es in seinem Langfilmdebüt allerdings nicht, von ein paar wenigen Nebensequenzen abgesehen, die richtigen Entscheidungen zu treffen. Wir begegnen mit Til Schweiger einem Hauptdarsteller, der zu keiner Zeit Sympathie – die nötig gewesen wäre, um Mitgefühl aufzubringen – erzeugen kann. Phantomschmerz versucht uns einzubleuen, daß Schweigers Figur ein Draufgänger und Frauenheld vor dem Herrn ist, obgleich sein Aussehen eher dem eines Vietnam-Rückkehrers entspricht. Widersprüchlicher ginge es wohl kaum. Sowohl dieser Unglaubwürdigkeit in der Figurenzeichnung als auch der klischeehaften und allzu durchsichtigen Erzählweise ist es geschuldet, daß der gesamte Film zu einer Farce verkommt. Wenn der Betrachter durch verschiedene stilistische Entscheidungen vom Mitdenken gänzlich beurlaubt wird, fällt es durchaus schwer, das Ende im Wachzustand zu erleben, zumal das Wesentliche ja bereits in den ersten Minuten präsentiert wurde.

Diametral ist auch das Verhältnis zwischen Visualisierung und zu erzählender Geschichte, Matthias Emcke und sein Kameramann Ngo The Chau haben sich für eine Inszenierung mit streckenweise arg wackliger Handkamera entschieden, die mit überstrapaziertem Zoom die Gesichter der Protagonisten abfilmt und bei Interaktionen wie einem Händeschütteln mitschwenkt, um dieses nicht zu verpassen, wodurch sich eine störende Unruhe in den fotographierten Bildern breit macht, die unverständlich bleibt, und für die behandelte Thematik einfach unpassend daherkommt. All diese Schwächen offenbaren eigentlich nur, daß es sich bei Phantomschmerz weniger um einen Film als um eine suboptimal erzählte Anekdote handelt, die einerseits um ihrer selbst Willen existiert und dem Regisseur andererseits dazu dient, seinem Freund ein Denkmal zu errichten und das Geschehene selbst zu verarbeiten. So gesehen, quasi ein Phantomfilm.
2009-04-29 15:55

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