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Standesgemäß

D 2008. R,B: Julia von Heinz. B: John Quester. K: Marcus Winterbauer. S: Frank Brummundt. M: Matthias Petsche. P: Bayerischer Rundfunk, Kings & Queens Filmproduktion, Südwestrundfunk.
87 Min. Missingfilms ab 7.5.09

Emanzipation des Adels

Von Constanze Frowein Adel verpflichtet. Dieser Grundsatz trifft vor allem für das weibliche Geschlecht aristokratischer Herkunft zu. Wenn eine Frau blauen Blutes sich entscheidet, unter Stand zu heiraten, ist sie laut Baronesse Alexandra von Beaulieu Marconnay zu 50% »draußen«, wenn sie den bürgerlichen Namen des Mannes übernimmt. Wenn sie sich entschließen, den Adelstitel zu behalten, ist sie zu 75% »draußen«, und wenn sie es gar wagt, den Titel zu behalten und an den Mann weiterzugeben, zu 175% – so erläutert die Baronesse die Standeskandarre. Dies mag wie ein Luxusproblem erscheinen. Wenig später erklärt das Ehepaar von Hoyningen-Huene die Bestrebungen, mittels gezielter Radtouren adliger Kinder den Adel zu bewahren. Es gelte, die Kinder darauf hinzulenken, in heiratsfähigem Alter in Kreisen ihresgleichen zu verkehren und zu ehelichen. Wenn der starre Ausschluß wegen Bruches des Adelscodex’ vor laufender Kamera ganz selbstverständlich erklärt wird, werden die erschreckenden Ausmaße der patriarchalischen Aristokratie erkennbar. Womöglich hat die adlige Herkunft der adligen Regisseurin ein vertrautes Klima geschaffen, das sich einer bürgerlichen Filmemacherin nicht erschlossen hätte.

Das im deutschen Adel tief verwurzelte Mannesstammprinzip bedeutet für das Porträt dreier aristokratischer Frauen in Standesgemäß tiefgreifenden Einfluß. Sehr unterschiedlich reagieren alle drei beleuchteten adligen Singlefrauen. Regisseurin Julia von Heinz hat sich für den Dokumentarfilm einem autobiographischen Thema gewidmet. Die Chancen, die solche Nähe mitbringt, nutzt sie durchaus. Die aristokratische Contenance als tief verwurzelter Grundsatz mag es Filmemacherin und Protagonistinnen dennoch erschwert haben, letzteren näherzukommen. Verena von Zerboni di Sposetti zum Beispiel entscheidet sich gegen eine juristische Laufbahn in Adelskreisen, stattdessen für ein bescheidenes – aber freieres – als Schneiderin am Theater. Momente der Einsamkeit durch den Verlust vieler adliger Bekannter nimmt sie dafür bereitwillig in Kauf und entlarvt, wie groß der Druck angeblich verständnisvoller Eltern adligen Hauses ist. Zwar beleuchtet von Heinz ein hoheitliches Problem, welches aber auf den zweiten Blick auch andere Gesellschaftsgruppen reflektiert, die sich – aus welchen Gründen auch immer – abgrenzen.

Julia von Heinz schafft eine Auseinandersetzung mit veralteten Systemen, die trotz Aufhebung des Vorrechts für Adelige im Jahr 1919, auch in zumindest naher Zukunft, bestehen werden. Der langsame Verfall des Adels deutet sich räumlich in den Wohnsituationen der porträtierten Frauen an: vom Schloß ins Hochhaus. Mit Detailaufnahmen morbider und maroder Schlösser setzt Julia von Heinz filmische Kommentare zur Situation des zeitgenössischen Adels. Scheinbare Luxusprobleme werden in selbsterklärenden Bildern aristokratischer Frauen, die sich mit Relikten ihrer Herkunft in die Zukunft retten und mit unfreiwillig komischen Sätzen wie »Wohin mit dem Meissen?«, deutlich. Das Bekenntnis zum bürgerlichen Leben aber bedeutet oftmals den Verlust familiärer Bande. Vom Jammern auf hohem Niveau kann also keine Rede sein.
2009-05-05 11:34
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