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X-Men Origins: Wolverine

USA/AUS/CDN 2009. R: Gavin Hood. B: David Benioff, Skip Woods. K: Donald McAlpine. S: Nicolas De Toth, Megan Gill. M: Harry Gregson-Williams. P: Twentieth Century-Fox Film Corporation, Marvel Enterprises, Donners’ Company u.a. D: Hugh Jackman, Liev Schreiber, Danny Huston, Lynn Collins, Kevin Durand, Dominic Monaghan, Taylor Kitsch, Ryan Reynolds, Scott Adkins u.a.
105 Min. Fox ab 29.4.09

Waffenbrüder

Von Nils Bothmann Individualist James Logan alias Wolverine war schon vor dem erfolgreichen Kinogang der Franchise der wahrscheinlich beliebteste X-Men-Charakter, weshalb es nicht verwundert, daß man ihm nun einen Einzelfilm gewidmet hat. X-Men Origins: Wolverine zeichnet den Weg des sprichwörtlichen einsamen Wolfs unter den X-Men nach, welcher die Bürde eines ewigen Lebens tragen muß. Bereits die Credit-Montage zeigt Logan als einen Mann, der auf dem Schlachtfeld zuhause ist und an jedem wichtigen US-Krieg teilnimmt, vom Sezessionskrieg über die Landung in der Normandie bis hin zu Vietnam. Stetiger Begleiter ist Logans Bruder Victor Creed alias Sabretooth. Beide Brüder repräsentieren unterschiedliche Ausprägungen ihrer Fähigkeiten: Während sich Victor der animalischen Seite hingibt, oft auf allen vieren herumspringt und sichtbare Krallen hat, so müht sich Logan um Anpassung, aufrechten Gang und das Verstecken seiner ausfahrbaren Knochenklingen.

Das Verhältnis der Brüder ist treibende Kraft in Wolverine, denn erst das Zerwürfnis von Logan und Victor setzt jene Ereignisse in Gang, die aus Logan schließlich Wolverine machen. Mehr noch: Exemplarisch wird hier Logans Zwiespalt, sein Ringen um Menschlichkeit verdeutlicht. Sabretooth und diverse Militärs wollen ihn als Tier abtun und fordern ihn auf, seiner animalischen Seite nachzugeben, der Offizier William Stryker bezeichnet Logan nach seiner Transformation zu Wolverine oft einfach nur als »Weapon X«. Gegenüber dieser männlichen Position, die immer wieder versucht, Logan sprachlich zu entmenschlichen, steht der weibliche Standpunkt, vor allem vertreten von Logans Freundin Kayla: Sie erinnert ihn immer daran, daß er kein Tier und kein gefühlloser Killer ist. Diese fällt Sabretooth allerdings nach der Exposition zum Opfer. Edgar Allan Poe bezeichnete den Tod einer schönen Frau einmal als das poetischste Thema der Welt, doch Logan zieht sich nicht wie der von Poe beschworene Dichter melancholisch zurück und schreibt Lyrik, sondern zieht rachsüchtig aus und läßt sich vom Militär durch Implantieren eines Metallskeletts zu Wolverine transformieren.

Schnell wird klar, daß Regisseur Gavin Hood und seine Drehbuchautoren Wolverine als Figur mit mehreren Deutungsmöglichkeiten anlegen. Wie Highlander Connor MacLeod muß Wolverine immer wieder Leute um sich sterben sehen und nicht nur die, denen er den Tod bringt: Wie Punisher Frank Castle ist Rache ein zentraler Motor Wolverines und wie Ödipus ermordet Logan als Junge im Unwissen den eigenen Vater. Auch das Verhältnis der zerstrittenen Brüder Logan und Victor ist ein wenig Romulus und Remus, ein wenig Kain und Abel, jedoch mit einigen Ambivalenzen: Auch Victor fühlt sich von seinem »Brother in Arms« enttäuscht, der Mord an Kayla ist nur Teil der dramatischen Entwicklungen im Bruderzwist. Gleichzeitig versucht Gavin Hood, das Wesen des Naturburschen Logan auch auf formaler Ebene einzufangen, verdeutlicht dessen Freiheitswillen durch Panoramaaufnahmen von kanadischer Wildnis und amerikanischen Großstädten.

Doch trotz all dieser interessanten Charakterisierungsansätze kann Wolverine nicht an das Niveau der X-Men-Trilogie heranreichen, aus ganz banalen dramaturgischen Gründen. Es mangelt der Geschichte einfach ein wenig an Drive, und im letzten Drittel will Gavin Hood einfach zu viel: Er baut – teilweise etwas arg bemüht – Verbindungen zur X-Men-Trilogie auf, muß aber den Gedächtnisverlust Logans erklären, der im ersten X-Men komplett ohne Vorwissen zur Truppe stieß; gleichzeitig gibt es für die Fans zahlreiche Cameos von den aus den Comics bekannten Mutanten, was jedoch einen leicht überfrachteten Eindruck hinterläßt.

Zudem übertreibt Hood es im Finale etwas mit dem Feuerzauber, läßt eine Effektorgie nach der anderen auf den Zuschauer niederregnen, bis es an Übersättigung grenzt. Dabei sind die kleineren Actionszenen, in denen nicht gleich ganze Kraftwerke verschrottet werden, die wahren Highlights des Films: Logans rasante Motorradjagd und vor allem der finale Kampf gegen Deadpool alias »Weapon XI« in luftigen Höhen. Allein für diesen Showdown verpflichtete man Martial-Arts-As Scott Adkins (Undisputed 2, The Shepherd) als besagten Fiesling.

Dieses Duell und der vielschichtige Bruderzwist, der Wolverine antreibt, sind es auch, die vor allem im Gedächtnis bleiben. Denn Wolverine ist zwar eine ordentliche Comicverfilmung, in der Liga von jüngeren Superheldeninitiationswerken wie Batman Begins oder Iron Man kann er aber noch nicht mitspielen.
2009-04-29 11:10

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