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Der Junge im gestreiften Pyjama

The Boy in the Striped Pyjamas. GB/USA 2008. R,B: Mark Herman. K: Benoît Delhomme. S: Michael Ellis. M: James Horner. P: BBC Films, Heyday Films, Miramax Films. D: Asa Butterfield, Jack Scanlon, David Thewlis, Vera Farmiga, Amber Beattie, Rupert Friend, Sheila Hancock, Richard Johnson u.a.
94 Min. Concorde ab 7.5.09

Zaungäste

Von Eva Tüttelmann »Gibt sie Dir das Gefühl, etwas Besonderes zu sein, die Uniform?« So eine Uniform kann eine beachtliche Wirkung haben. Sie stiftet ein Gefühl von Gemeinschaft und Zusammenhalt, steht für Stolz und Ehre, macht Ungleiches gleich und ist mit einer klar definierten Aufgabe, einer Zugehörigkeit verbunden. Etwas Besonderes ist man in einer Uniform nicht. Man ist Teil einer Gruppe, einer Maschinerie, was sowohl Schutz als auch Falle sein kann.

Mark Hermans Kinderbuchadaption Der junge im gestreiften Pyjama ist ein kühnes Werk. Die ersten Einstellungen muten an wie der Beginn einer _Harry Potte_r- oder Narnia-Verfilmung, sind Beginn eines großen Abenteuers, das man nicht versäumen darf. Doch hier gibt es kein Gleis neundreiviertel und auch keinen Wandschrank, nein, hier geht es mit einem eleganten Wagen mit lustigen kleinen roten Fähnchen, auf denen sich diese schwarzen Kreuze befinden, auf in ein neues Zuhause, das zu allem Überfluß auch noch ganz in der Nähe eines Bauernhofs ist. Durch die naiven Augen eines Kindes wagt sich Herman daran, zu erzählen, was sich jeder Darstellbarkeit entzieht. Sogleich werden Erinnerungen wach an die Diskussionswelle, die Benignis Das Leben ist schön Ende der 1990er Jahre losgetreten hat: den Holocaust verharmlosend, historisch nicht korrekt erzählt und noch so vieles mehr soll er gewesen sein, der Film über den kleinen Giosué, der die Lagerqualen nur durch das Aufrechterhalten einer gigantischen Illusion seitens seines Vaters überlebt. Der Spielraum und die Erzählfreiheit, die in allen anderen Genres existieren, sind dem Holocaustfilm nun einmal nicht vergönnt. Und was der eine für politisch korrekt hält… nun ja. Der Diskurs war am Ende derart ermüdend, daß man gar nicht so genau weiß, ob man schon bereit ist für einen neuen Film, der Gefahr läuft, eine ähnliche Wirkung zu evozieren.

Historisch korrekt oder nicht, die Erzählperspektive von Der junge im gestreiften Pyjama ist ausschlaggebend für die Wucht, mit der die Geschichte des achtjährigen Bruno den Zuschauer trifft. Langsam aber unaufhaltsam infiltriert die Nazi-Ideologie, der sein Vater folgt, sein kindliches Leben, und der Film erzählt ebenso behutsam wie kraftvoll, was es heißt, auf einer Seite zu stehen, für die man sich nicht entschieden hat – welche Seite auch immer das ist. Er erzählt von Liebe und von Freundschaft und von der Suche nach Anerkennung. Bruno liebt seinen Vater, doch die heimliche Freundschaft mit Shmuel, der sich auf der anderen Seite – des Zauns – befindet, stellt ihn als Vorbild in Frage. Für Brunos Mutter, die selbst einen ähnlichen Prozeß durchlebt, kommt nach Jahren der Passivität und des Schweigens schnell die Einsicht, daß ihr Mann von einem Vorbild weit entfernt ist. Doch Bruno ist zu sehr behütetes Kind, für ihn geht es hier nicht um Leben und Tod, für ihn geht es um die Freundschaft zu dem einzigen Spielkameraden, den er in seinem neuen Heim gefunden hat, und er entscheidet sich, Shmuel nicht im Stich zu lassen.

Hermans Regiearbeit beeindruckt insbesondere durch die Sensibilität, mit der die Bilder und Andeutungen das auszusagen vermögen, was der Dialog selbst hier nie ausspricht. Unausweichlichkeit und Grauen verbergen sich unter der Oberfläche und sind doch unerträglich präsent. Während die Handlung ihren Lauf nimmt, erkennen die Figuren des Films – die nebenbei bemerkt wunderbar besetzt sind – daß weder Kleidung noch Herkunft von irgendeiner Relevanz sind, jeder auf seine Weise und jeder zu einem anderen Zeitpunkt. Am Ende des Tages werden wir auf das zurückgeworfen, was wir sind: uniform.
2009-05-04 10:46

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