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Die wundersame Welt der Waschkraft

D 2009. R,B: Hans-Christian Schmid. K: Bogumil Godfrejow. S: Stefan Stabenow. P: 23/5 Filmproduktion.
93 Min. Piffl ab 7.5.09

Die ausgewanderte Arbeit

Von Mark Stöhr Hüben wird geschlafen, drüben gearbeitet. Kaum ein anderes Bild könnte die immer noch krassen Lebensunterschiede in Ost und West bald 20 Jahre nach dem Fall des Eisernen Vorhangs augenfälliger machen. In den Nobelherbergen Berlins räkeln sich die Gäste in den duftenden, frisch gestärkten Laken, nicht weit entfernt, in der Kleinstadt Gryfino, gleich hinter der polnischen Grenze, wäscht und bügelt eine Armada von Arbeitern im Schichtbetrieb, 24 Stunden, Tag und Nacht. Die Wäscherei gehört einer deutschen Firmengruppe, die auf die niedrigen Löhne in Polen setzt und damit Markführer in der Wäschereinigung für Fünf-Sterne-Hotels geworden ist.

Hans-Christian Schmid hatte in der Zeitung von dem deutsch-polnischen Geschäft gelesen und sich mit seinem Kameramann und einer Übersetzerin nach Gryfino aufgemacht. Er fand sechs Protagonisten für seinen Film. Monika und ihren Mann, die sich um die Zukunft ihrer arbeitslosen Tochter sorgen. Beata, eine alleinerziehende Mutter von drei Kindern, die mit ihrem Freund und dessen Ex-Frau unter einem Dach lebt. Und Beatas Mutter, die für ein halbes Jahr nach England gehen will, um dort Tulpen einzutopfen. Schmid hat sich während seines Studiums mit dem Dokumentarfilm beschäftigt und seither nur Fiktion gemacht. Das merkt man. Er versucht mit aller Macht, Interviewsituationen zu vermeiden und läßt seine Figuren meist nur aus dem Off sprechen. Die Methode mißlingt. Die Personen bleiben in großer Distanz, als würden sie aus einem vorbeifahrenden Auto gefilmt. Der Dramaturgie fehlt es an durchgehenden erzählerischen Einheiten, die das brüchige Gebäude des Films zusammenhalten. Möglicherweise waren die sprachlichen Barrieren zu hoch, um mit den Protagonisten in engeren Kontakt zu treten. Schmid spricht kein Polnisch. Vielleicht aber hat der vielbeschäftigte Spielfilmregisseur auch einfach nur zu wenig Zeit in Gryfino verbracht.
2009-04-30 10:36

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #54.
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