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D/RC 2009. R,B: Monika Treut. B: Astrid Ströher. K: Bernd Meiners. S: Renate Ober. M: Uwe Haas. P: Hyena Films. D: Inga Busch, Hu Ting-ting, Ko Huan-ju, Michael Varnhorn, Tze-Ping Su, Jacques-Yves Giga, Cheng-Yi Yang, Kevin Shih Hung Chen u.a.
92 Min. Salzgeber ab 30.4.09

Die Geister, mit denen ich schlief

Von Daniel Bickermann Da ist sie endlich mal wieder auf großer deutscher Leinwand: Inga Busch, mit ihrer eigenwilligen Nase wie einst Kleopatra und ihrem rauhen, faszinierenden Gesicht. Doch kaum freut man sich über ihre Ankunft, schaudert man angesichts ihrer Aufmachung: ein seidener Hosenanzug? Wirklich? Busch kann die bodenständigen und lauten, selbstbewußten Frauencharaktere spielen wie sonst niemand im Land, aber ihr ebenso herber wie herzlicher Charme will in dieser Rolle als verschlossene und leicht prätentiöse Künstlerin nicht so recht zur Geltung kommen.

Buschs Casting steht exemplarisch für einen gutgemeinten Film voller interessanter Ansätze, von dem letztlich nicht viel Sehenswertes bleibt. Meist wirkt das neue Projekt der deutschen Independentfilmveteranin Monika Treut wie eine digitale Postkartensammlung, die zwischen Hamburg und Taipeh pendelt: Die Cityscape gelingt durchaus, das Gefühl des Ortes wird mit Hilfe flüchtiger Eindrücke von Paraden, Märkten, lokalen Brauchtümern und Delikatessen eingefangen, alles interessant. Aber die Figuren hätten spannender sein können, wenn man ihnen mehr als den Plot und die Dialoge eines zwanzigminütigen Kurzfilms gegeben hätte, der dann durch Inserts und Stimmungsbilder gerade so auf neunzig aufgeblasen wird. So aber verliert man sich als Zuschauer viel zu häufig in assoziativen Stadtmontagen, und die Geschichte gewinnt bis zuletzt überhaupt keinen Zug. Ein Film als Sightseeingtour.

Dazu gehört Positives wie Negatives. Zum einen harmoniert das halb deutsche, halb vietnamesische Cast erstaunlich gut, und die Unterschiede zwischen beiden Kulturen, beiden Sentimentalitäten und Temperamenten, bleiben keineswegs »lost in translation«. Andererseits warten hier auch einige Postkartenfilmklischees: Vor allem die Essensassoziationen wirken im wahrsten Wortsinne ein wenig altbacken: Daß die Mutter der jungen Taiwanesin Ai-ling in praktisch allen ihren Szenen mit riesigen Töpfen hantiert, daß Ai-lings Onkel in Deutschland eine Reihe von China-Restaurants führt, das klingt alles nach längst bekannten Stereotypen.

Fatal aber ist vor allem die dysfunktionale Stilebene des Films. Als internationaler Krimi mit Mystery-Einschlag um zwei geheimnisvolle Tode und zugleich als lesbisches Trennungsdrama könnte die Geschichte durchaus überzeugen. Doch die Form trägt nicht einmal das Gewicht dieser eigentlich recht knappen Story: Die digitale Handkamera soll wohl die Technik der Protagonistin, einer Videokünstlerin, spiegeln – heraus kommt dabei leider nur der verwaschene, beiläufige Look eines Tagebuchfilms, dem jegliche Eleganz abgeht. Auch die Musik, die die etwas zu lose Inszenierung zusammenhalten könnte, wirkt willkürlich und einförmig. Und in den vielen Sequenzen, in denen dann ganz auf Musik verzichtet wurde, wird schmerzhaft offensichtlich, daß die Szenen alleine die Stimmung des Films leider nicht tragen können. Überhaupt will sich die elegische Grunddisposition nicht so recht einstellen – zu gezwungen wirken viele Szenen, zu gestellt, aneinandergereiht und unelegant wirken die Bilder. Einige erotische Momente gelingen dank der Natürlichkeit Buschs und Huan-Ru Kes, aber selbst hier versiegen viele Emotionen ungenutzt: Die Flashbacks im glitzernden Gegenlicht sind mehr das Klischee von Flashbacks, wie man sie aus Filmen kennt, als tatsächliche Erinnerungsfetzen. So ergeht es denn auch dem zwischendurch immer wieder heraufbeschworenen Mystery-Aspekt: Man spürt keine Gefahr, keine Präsenz des Übernatürlichen, keine Aufregung. So bleibt der Film manchmal schön anzusehen, aber eben auch sehr beiläufig. Wie eine Postkartensammlung eben.
2009-04-28 10:15
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