— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Tage oder Stunden

Deux jours à tuer. F 2008. R,B: Jean Becker. B: Eric Assous, Jérôme Beaujour. K: Arthur Cloquet. S: Jacques Witta. P: ICE3, Studio Canal, France 2 Cinéma. D: Albert Dupontel, Marie-Josée Croze, Pierre Vaneck, Alessandra Martines, Cristiana Réali, Mathias Mlekuz, Claire Nebout, François Marthouret u.a.
85 Min. Arsenal ab 30.4.09

The Killing

Von Sebastian Gosmann Während Jean Beckers letztes, von einem unbeirrbaren Humanismus beflügeltes Werk noch zum gepflegt-gemütlichen Rotweinverzehr einlud, schlägt sein neuer Film gänzlich andere Töne an. Statt in der Kehle des Cineasten landet der edle Tropfen hier im Gesicht des großartigen Albert Dupontel. Die scheinbar unendliche Genugtuung, die er seiner tragischen, vermeintlich krisengeplagten Figur ins Gesicht schreibt, schockiert zutiefst. Doch die anarchische Freude, mit der Dupontel den (unfreiwilligen) Misanthropen gibt, hat auch etwas Befreiendes. Nicht nur für ihn.

»Schönes Flugzeug, aber fällt dir nichts daran auf? Es kann nicht fliegen. Und warum kann es nicht fliegen? Weil die Flügel nach unten zeigen. Das kannst du besser.« Mit Antoines Reaktion auf das selbstgemalte Geburtstagspräsent seines Sohnes fängt es an. Doch sie gibt lediglich einen Vorgeschmack auf das, was auf der von einem guten Freund initiierten Überraschungsparty am Abend geschehen wird. Nachdem die feierliche Geschenkübergabe für sämtliche Gäste zum demütigenden Spießrutenlauf wird, wirft Antoine ihnen ihren hart anstudierten Wohlstand vor und beschimpft sie als scheinheilig, macht sich lustig über die Ignoranz der offensichtlich etwas einfach gestrickten Bérangère und verpaßt einer sich als Femme fatale gebärdenden Freundesfreundin eine denkwürdige Lektion in Sachen Anstand. Eine gebrochene Nase, eine blutige Oberlippe und eine Jochbeinprellung – das ist die grausame Bilanz von Antoines rücksichtslosem und selbstgerechtem Parforceritt. An seinem 42. Geburtstag schmeißt er sie alle raus aus seinem Haus. Und aus seinem Leben.

Das, was man im starken ersten, überaus dramatischen Teil von Tage oder Stunden mitansehen muß, ist derart unbegreiflich und rätselhaft, daß die Erwartungen an die (melodramatische) zweite Hälfte des Films in geradezu schwindelerregende Höhen katapultiert werden. Für das Verhalten dieses Mannes, der – dem Wortlaut des wesentlich sinnhafteren Originaltitels Deux jours à tuer, zwei Tage zum Töten, folgend – innerhalb eines einzigen Wochenendes systematisch sein gesamtes Leben von sich abschüttelt, sollte das Drehbuch schon eine ziemlich gute Erklärung bereithalten.

Doch als Antoines Geheimnis schließlich gelüftet wird, macht sich Enttäuschung breit. Zwar ist das dargebotene Handlungsmotiv wahrscheinlich das schlüssigste, das es geben kann, doch hatte man die dahingehende Vermutung irgendwann als zu banal und offensichtlich verdrängt. Als diese schlußendlich doch bestätigt wird, schämt man sich ein bißchen. Irgendwie hatte man sich des Rätsels Lösung spektakulärer vorgestellt.
2009-04-29 11:19

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #54.
© 2012, Schnitt Online

Sitemap