— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Ob ihr wollt oder nicht

D/NL 2009. R: Ben Verbong. B: Karin Howard, Katja Kittendorf. K: Theo Bierkens. S: Menno Boerema. M: Konstantin Wecker. P: elsani film, 3L Filmproduktion, MMC Independent. D: Christiane Paul, Senta Berger, Katharina Marie Schubert, Jan Gregor Kremp, Anna Böger, Jan Decleir, Julia-Maria Köhler, Mark Waschke u.a.
110 Min. 3L ab 30.4.09

Sterben nach Plan

Von Arezou Khoschnam Laura hat gerade ihren Mann verlassen. Sie zieht wieder zurück zu ihren Eltern, schließt sich in ihrem Zimmer ein und ist erst wieder ansprechbar, als ihre drei Schwestern eintreffen. Sie alle sind in ihrem Privatleben unglücklich. Klar, daß Laura, »die glücklichste von uns«, zur Seelentrösterin wird. Dabei hat Laura Krebs und wird bald sterben. Sie hätte auch gern mal mit jemandem über ihr Leid gesprochen, sagt sie, »aber den anderen geht es viel schlimmer als mir«. Dieser Satz markiert die Leistung des Drehbuchs. Laura wird nicht als Opfer dargestellt, sondern als starke und selbstbestimmte Frau. Zuerst bricht sie die Chemotherapie ab, dann weigert sie sich, zu ihrem geliebten Mann zurückzugehen, um ihm ihren Krebs zu ersparen, und ganz nebenbei gelingt es ihr, ihre zerrüttete Familie wieder zusammenzuführen. Auch über den Zeitpunkt ihres Todes möchte Laura selbst entscheiden können. Das gibt ihr bei aller Hilflosigkeit das Gefühl der Selbstkontrolle.

Regisseur Ben Verbong inszeniert den Film zunächst als Familienkomödie. Erst mit der Zeit mischt sich unter die sonnendurchflutete Atmosphäre ein dramatischer Ton, und der Film enthüllt nach und nach sein eigentliches Anliegen: die Sterbehilfe. Die herausfordernde Mischung funktioniert. Die lockeren Dialoge machen aus der schweren eine leicht verdauliche Kost, wobei Verbong immer den angemessenen Ton trifft. Sein Film spielt auf der Klaviatur des Lebens, pendelt leichtfüßig zwischen Freud und Schmerz und verliert dabei doch nie seine Glaubwürdigkeit. Ob ihr wollt oder nicht ist ein Film, der trotz des schwierigen Themas gut zu unterhalten weiß. Er zeigt den Tod als Teil des Lebens und entmystifiziert ihn dadurch.

Am wichtigsten ist jedoch: Er bezieht mutig Position, indem er die Sterbehilfe als einen Akt der Menschlichkeit demonstriert. Nicht der Tod ist das Schlimmste, was uns passieren kann, sondern die Unfreiheit, nicht über den eigenen Tod bestimmen zu können, und somit die Selbstaufgabe als Individuum.
2009-04-28 11:17

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #54.
© 2012, Schnitt Online

Sitemap