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I Can't Think Straight

GB 2007. R,B: Shamim Sarif. B: Kelly Moss. K: Aseem Bajaj. S: David Martin. M: Raiomond Mirza. P: Enlightenment Productions. D: Lisa Ray, Sheetal Sheth, Dalip Tahil, Antonia Frering, Anya Lahiri, Rez Kempton, Amber Rose Revah, Daud Shah u.a.
80 Min. Pro-Fun ab 16.4.09

Doppelfehler

Von Daniel Bickermann Der lesbische Film tendiert ja seit Jahren zur Konfliktlosigkeit, Romantisierung, Erotisierung und irgendwie auch Bagatellisierung. Ausnahmen wie Raus aus Åmål oder Water Lilies in allen Ehren, aber Filme wie Better Than Chocolate oder When Night is Falling bedienen doch immer wieder das Schema F: Zwei übermäßig schön anzusehende junge Damen räkeln sich in lasziven Umgebungen und kunstsinnigen Körperkontaktentschuldigungen wie leichtem Sport oder Ausdruckstanz, bis sie zu dem Ergebnis kommen, daß sie zu ihrer Homosexualität stehen müssen, es ihrer Familie sagen und schlußendlich glücklich weiterknutschen dürfen.

I Can’t Think Straight hätte das Potential gehabt, dieses Schema zu transzendieren: Ein trikultureller Plot zwischen Jordanien, Indien und England mit muslimischen und christlichen Protagonisten verspricht Originalität im lesbischen Genre. Aber von dem vermeintlichen kulturellen Sprengstoff bleibt nur eine dünne und schnell vergessene Patina aus Alibipolitik. Stattdessen entsteht durch eine oberflächliche Telenovela-Ästhetik in pittoresken britischen Landhäusern und sonnendurchfluteten Loftbüros und durch die gestelzten Dialoge und sich sinnlos hinziehenden Szenen eine Art jordanisch-britisch-indische Reich und schön-Variante, komplett mit klischierten Nebenfiguren wie den hyperkonservativen Müttern, der shoppingfixierten, intriganten Schwester, dem karrieregeilen Schwager – selbst die Hauptfiguren bleiben im Stereotyp stecken: Sheetal Sheth bleibt als schüchternes Mädchen aus der reichen indisch-muslimischen Familie, die sich in den britischen Landadel hochgeschuftet hat, zwar halbwegs fehlerfrei, kann aber auch nicht glänzen. Lisa Ray derweil versucht sich als vermutlich noch reichere jordanisch-christliche, burschikose Draufgängerin, die Verlobungen bricht wie andere Leute Brot, in schmollmundigem, spitzfindigem Dialogwitz. Einige Male landet sie damit Treffer, aber zu häufig stolpert sie auch über das eigene Rapier: Das Drehbuch gibt einfach die Schlagfertigkeit nicht her, die sie gerne für ihre Figur hätte. Die beiden Schauspielerinnen standen schon für Sarifs Regiedebüt Die verborgene Welt als lesbische Hauptfiguren vor der Kamera, mit ähnlichem Effekt.

Shamim Sarif will auch in ihrem zweiten Spielfilm wieder eine Perfektion vortäuschen, die weder notwendig noch besonders schmeichelhaft ist. Stellvertretend für den ganzen Film versucht die Regisseurin, das Tennisspiel der beiden Schauspielerinnen als atemberaubenden Ballwechsel zu montieren, aber die Schnitte sind zu offensichtlich verfälschend, Winkel und Geschwindigkeiten passen nicht zueinander, und zu deutlich erkennt man, daß die beiden Darstellerinnen einfach nicht besonders gut spielen, sondern den Ball nur von sich fortdreschen. Es ist weniger dieses Unvermögen der Figuren, das uns als Zuschauer stört – sie könnten trotzdem ein wirklich nettes Pärchen abgeben. Aber die Perfektion, die die Regisseurin ihnen unterschieben will, bekommt ihnen nicht. Ähnliches passiert beim Polo, einem Sport, von dem sich die Macher wohl sicher sind, daß ihn sowieso kein Zuschauer kapiert, weswegen man einfach ein paar elegant aussehende Momentaufnahmen zusammenmontiert, mit reißerischer Musik unterlegt und zu einer spannenden Sportsequenz erklärt. Aber wer glaubt das? Diese technischen Amateurfehler überraschen vor allem, weil die Montagesequenzen ohne die beiden Hauptdarstellerinnen vom britischen Editorveteranen David Martin oft ausgezeichnet gelöst wurden und voller Esprit zwischen kleinen persönlichen Details und großen Momenten zum Beispiel einer Hochzeitsvorbereitung hin- und herschneiden können. Es bleibt der Verdacht, der Regisseur hätte vor allem in der Hauptplotlinie einfach nicht genug interessantes Material geliefert.

Aber das Problem liegt tiefer, ist geradezu ideologisch: Intimität wird hier nur behauptet, der Zuschauer erhält keine Gelegenheit, sie selbst zu entdecken. Die vermeintliche Anziehung der beiden Figuren zueinander kommt aus dem Nichts, sie ist bestenfalls genauso oberflächlich sexualisiert wie die Ästhetik des Films und schlimmstenfalls einfach willkürlich. Aber, und hier lauert die eigentliche Crux: Der Film will die beiden einander gar nicht begehrenswert machen. Er will, daß wir sie begehren. Das schließt sich natürlich nicht gegenseitig aus, aber Sarif ersäuft den Film in schmachtenden Blicken für seine Protagonistinnen, die so aufdringlich, teilweise sogar grenzvoyeuristisch sind, daß man ihnen als Zuschauer irgendwann nicht mehr folgen möchte. Es ist die Vorgehensweise der Pornographie, Charaktere zu zeigen, die ohne sichtbaren Grund nur aufeinander gewartet zu haben scheinen. Und obwohl I Can’t Think Straight keineswegs pornographisch ist, folgt er einer ähnlich unglücklichen und letztlich ähnlich erfolglosen Strategie – zu simpel und klischeehaft sind die Motive der Figuren, zu schamlos die Manipulation mit romantischer, trauriger oder erotischer Holzhammermusik. Der Film hat ein Glaubwürdigkeitsproblem.

Immerhin, es gibt einige amüsante Momente durch schön ausgedachte Nebenfiguren: die jordanische Dienerin, deren Hauptziel darin besteht, der zickigen Mutter des Hauses buchstäblich in die Suppe zu spucken, deren so präparierte Getränke und Speisen aber immer wieder in letzter Sekunde ihr Ziel verfehlen. Oder die Väter der beiden, die auf das lesbische Coming Out der Töchter schon mal reagieren mit: »But I’ve only been away for half an hour.«

Ansonsten bleiben nur Popmusikmontagen von jungen kaffeefarbenen Frauen in knappen weißen Tennishosen, die durch Marmorhallen und Moscheen jetsetten, um sich in Zeitlupe das Tennisdress wieder auszuziehen. Die Locations bleiben Postkarten, der Himmel ist immer strahlend blau und von einzelnen Wolkenstrahlen durchzogen, und selbst in der englischen »Originalfassung« herrscht eine komisch flache Nachsynchronisation, die aus jedem Wort ein Schlafzimmergeflüster macht. Und so wird erst zu romantischer Gitarrenmusik auf den eigenen und später zu noch romantischeren auf den fremden Lippen herumgebissen, und zur Abwechslung gibt es mal nicht Ausdruckstanz und Body Painting, sondern Bauchtanz und schmachtende Poesie. Wer wirklich eine originelle lesbische Dialogkomödie mit tollen Onelinern sehen will, sollte einen Videothekar seines Vertrauens nach Kissing Jessica Stein fragen.
2009-04-14 11:21
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