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Kopf oder Zahl

D 2009. R,B: Benjamin Eicher, Timo Joh. Mayer. B: Michael Glashauer. B,K: Marcus Stotz. S: Fabian Barth. M: Dany Nussbaumer. P: Los Banditos Films. D: Ralf Richter, Heinz Hoenig, Mark Keller, Jana Pallaske, Saskia Valencia, Claude Oliver Rudolph, Tyron Ricketts, Jenny Elvers-Elbertzhagen u.a.
94 Min. Kinostar ab 23.4.09

Deutschland, ein Gangstermärchen

Von Nicole Ribbecke Der Trailer von Kopf oder Zahl suggeriert das gelangweilte Gefühl der Vertrautheit. Die Hauptdarsteller werden in einem schwarz-weißen Still eingefroren, daneben erscheint der Vorname der Filmfigur. Der Wiedererkennungswert ist erschreckend. Wären es die Namen der Schauspieler gäbe es kaum einen Unterschied zwischen diesem und dem Trailer des Verwicklungsbombardements Snatch. Zu allem Übel klingt auch der Plot, als hätte er Guy Ritchies Feder alle Ehre gemacht. Ein Diamant, oh nein, ein Kilogramm Kokain soll der Antrieb sein, daß 24 Stunden lang die Geschicke von zwölf Protagonisten in sechs überlappenden Episoden umeinander kreisen. Nach all diesen allzu offenkundigen Imitationen kann es demnach entweder um die nicht denkbare Unkenntnis des englischen Pendants oder das Nachahmen eines erfolgreichen Prinzips handeln.

Doch so wenig Benjamin Eicher und Timo Joh. Mayer ihre vorangegangenen Komödien, dem Modell britischen Humors unterzogen, so erfreulich deutsch zeigt sich auch ihr neuestes Werk. Die Besetzung mehrerer Größen aus dem legendären Stab von Das Boot mögen sicher ihren Teil dazu beigetragen haben. Ralf Richter ist nun mal ein urdeutsches Ekel, das wieder einmal faszinierend scheußlich seiner Barbarei frönt. Ferner korrespondiert Heinz Hoenigs stille Verkörperung des tschetschenischen Schwarzarbeiters, die ganz beiläufig zu Tränen rührt, mit dem geglückt zurückhaltenden Spiel der übrigen Darsteller. Diese Ruhe, filmische Architekturstudien zwischen den Szenen und schmerzhaft nahe Detailaufnahmen haben unverhofft wenig gemein mit jener chaotischen Verwirrung, die ohnehin wohl nur bei Guy Ritchie so glänzend funktioniert. Die stringente Handlung von Kopf oder Zahl mit deren unaufgeregter Dramaturgie, macht letztendlich die Symbolik der deutschen Flagge überflüssig. Ihr mehrmaliges Wiederkehren auf der Leinwand soll wirklich keinen Zweifel mehr daran aufkommen lassen, daß deutsche Realität gezeigt wird – und Deutschland liegt am Boden. Inwieweit dabei tatsächlich ernstzunehmende Einwände gegen deutsche Migrationspolitik erhoben werden, bleibt allerdings fraglich. Zwischen alltäglichen Integrationsschwierigkeiten und brutaler Übertriebenheit, zwischen schockierendem Sozialdrama und der Immoralität einer Gangsterposse wird das Geschehen immerhin auf eine ganz deutsche Weise erzählt.
2009-04-20 10:45

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