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Liebe auf den zweiten Blick

Last Chance Harvey. USA 2008. R,B: Joel Hopkins. K: John de Borman. S: Robin Sales. M: Dickon Hinchliffe. P: Overture Films, Process Productions. D: Dustin Hoffman, Emma Thompson, Kathy Baker, Eileen Atkins, James Brolin, Liane Balaban u.a.
92 Min. Concorde ab 16.4.09

Der Trend geht zum Zweitblick

Von Lena Serov Wann immer die urbane Romantic Comedy Hollywoods ihre Heimat bzw. Lieblingsstadt New York verläßt und sich dabei nach Europa begibt, geht es um das Verhandeln von kulturellen Klischees wie zuletzt gesehen in dem sonst ganz wunderbaren Vicky Cristina Barcelona. So passiert es auch, daß sich die Protagonisten von Liebe auf den zweiten Blick, ein Amerikaner und eine Britin, am Londoner Flughafen begegnen und sich zunächst einmal die Vorurteile um die Ohren knallen. Harvey und Kate sind eigentlich über das Durchschnittsalter von Romantic-Comedy-Helden weit hinaus und blicken ziemlich nüchtern auf die Welt, und deshalb schaffen sie es erst – wie der deutsche Titel eben besagt – sich bei einer zweiten Begegnung näherzukommen. Harvey – ein gescheiterter Jazzpianist – verdient mit dem Komponieren von Werbejingles seinen Lebensunterhalt und wird schnell über die Beziehung zu seiner einzigen Tochter ernüchtert, die bei ihrer in London gefeierten Hochzeit lieber vom Stiefvater zum Traualter geführt werden möchte. Kate hingegen wird von ihrer aufmerksamkeitsbedürftigen Mutter durch permanente Anrufe auf Trab gehalten, während sie ein mißglücktes Blind Date nach dem anderem hinter sich bringt und sich ins kreative Schreiben flüchtet. So finden sich die Gestrandeten in einem menschenleeren Flughafenrestaurant wieder und entdecken holprig ihre Sympathien füreinander.

Würde der Film nicht von der Begegnung von zwei erfahrenen Personen erzählen, und wären diese Rollen nicht mit den brillanten Schauspielern Dustin Hoffman und Emma Thompson besetzt, wäre es vermutlich eine stinknormale Liebeskomödie geworden. Hoffman, dessen Spiel dem Film seinen charakteristischen Humor verleiht, verkörpert seine Figur mit dem von ihm gewohnten jungenhaft verspielten und gleichzeitig unbeholfenen Charme, während Emma Thompson ihre ungläubige Reserviertheit mit einer unbeschwerten Ausgelassenheit abwechselt. Die Figuren werden von Drehbuchautor und Regisseur Joel Hopkins recht unaufdringlich und dabei sehr ausführlich eingeführt und in ihren jeweiligen Familienkonstellationen situiert. Der Film käme auch ohne den narrativen Ballast zurecht, würde er sich mehr auf die Begegnung seiner beiden Protagonisten konzentrieren. Damit kommt der wort- und witzreiche Dialog zwischen den Charakteren – sonst ein prominenter Bestandteil europäischer Produktionen des Genres – der meist auf den Promenaden des in sonnengelben Tönen eingefangenen London stattfindet, leider viel zu kurz. Die beiden hätten sich aber bestimmt einiges mehr zu erzählen.
2009-04-09 11:45

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #54.

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