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Il Divo

I 2008. R,B: Paolo Sorrentino. K: Luca Bigazzi. S: Cristiano Travaglioli. M: Teho Teardo. P: Indigo Film, Lucky Red, Parco Film. D: Toni Servillo, Anna Bonaiuto, Carlo Degli Esposti, Paolo Graziosi, Giulio Bosetti, Michele Placido, Carlo Buccirosso, Fanny Ardant u.a.
110 Min. Delphi ab 16.4.09

Die besten Jahre unseres Lebens

Von Marieke Steinhoff In zwei Minuten italienische Nachkriegspolitik verstehen: die Roten Brigaden, die Ermordung von Aldo Moro, die Geschichte der Christdemokratischen Partei, die P2-Lodge und am Ende der Satz: »Wenn ihr nicht gut über eine Person sprechen könnt, sprecht nicht über sie.« Silenzio. Dann beginnt der Film, Punkmusik von Cassius ertönt, man sieht schnell aneinandergeschnittene Morde, unter den Toten: der Journalist Mino Pecorelli, der Jurist Giovanni Falcone und eben Aldo Moro, Christdemokrat und Opfer gescheiterter Verhandlungen zwischen der italienischen Regierung und den RB-Terroristen.

Das italienische Glossar zu Beginn von Il Divo schafft kaum eine differenzierte Einführung in das komplexe Gewebe aus Politik, Wirtschaft, organisierter Kriminalität und Korruption, welches Italien seit Ende des Zweiten Weltkrieges dominiert und aussaugt. Das tut auch der Rest des Films nicht, was auch gar nicht schlimm ist, geht es doch um die Konstruktion und Inszenierung von Politik und Macht, nicht um vermeintlich wahre Hintergründe. Im Mittelpunkt steht das spektakuläre Leben von Giulio Andreotti, des wohl berühmt-berüchtigtsten christdemokratischen Politikers jüngerer italienischer Geschichte; seit 1947 an 33 Regierungen beteiligt, siebenfacher Ministerpräsident, mehrfach angeklagt wegen Kontakten zur Mafia, Bestechlichkeit und Beteiligung an der Ermordung des Journalisten Pecorelli, aber aus Mangel an Beweisen 2004 endgültig freigesprochen.

Paolo Sorrentino konzentriert sich in Il Divo auf die siebte und letzte Amtszeit Andreottis in den frühen 1990er Jahren, als das System endgültig zu bröckeln begann und unzählige »Pentiti« in den Mafia-Prozessen ihre Machenschaften bloßlegten. Andreotti erscheint innerhalb dieser chaotischen Zeit wie eine unbewegte Sphinx, das Gesicht starr, die Schultern hochgezogen, nur die Hände sprechen. Toni Servillo schafft hier einen brillanten Spagat zwischen Charakter und Karikatur, in manchen Szenen meint man gar einen neuen Joker vor sich zu sehen; doch Servillo gewinnt Andreotti auch etwas zutiefst Menschliches ab, so daß am Ende nicht Haß, sondern Faszination überwiegt.

Gegen Servillos Starrheit arbeitet die Kamera, die nie ruht, sondern immer abtastet, Räume, Straßen, Gesichter, und tief eintaucht in ein Labyrinth aus unzähligen Spielorten, Zeitebenen und Charakteren, die kaum zu einer Orientierung, sondern zu einer permanenten Überforderung des Zuschauers führen. Hinzu gesellt sich eine überbordende Lust an den unterschiedlichsten Inszenierungsstilen, die sich allein schon am Soundtrack von Il Divo erkennen lassen: Barockmusik gesellt sich zu Punk, italienische Schnulze zu amerikanischem Indiefolk.

Erzeugt werden trotz dieser Heterogenität maximale Emotionen, wobei hier besonders die Szenen hervorstechen, die auf den Skandal, die große Geste verzichten: Wenn beim ehelichen Fernsehabend auf einmal der Sänger Renato Zero mit »I migliori anni della nostra vita« auf dem Bildschirm zu sehen ist und Andreottis Ehefrau, immer noch überzeugt von seiner Unschuld, verliebt den Blick ihres Ehemannes sucht, den er nicht erwidern kann, dann meint man in diesem Augenblick der langsamen Erkenntnis eine allgemein verlorene Hoffnung zu erblicken, die schwerer wiegt als jeder gezeigte politische Mord.

Die besten Jahre erlebt Italien zurzeit sicherlich nicht, für das italienische Kino indes erweist sich die Krise als fruchtbarer Boden für intensive Auseinandersetzungen mit der Korrumpiertheit des politischen Systems. Zeigte Gomorrha – Reise in das Reich der Camorra die Konsequenzen dieser am untersten Ende der Gesellschaft, so blickt Il Divo ganz nach oben in die Machtetagen. Beides ist nicht wirklich schön anzusehen, aber dank der großartigen Regieleistungen von Matteo Garrone und Paolo Sorrentino mag man den Blick trotzdem nicht abwenden.
2009-04-15 11:16

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