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Public Enemy No. 1 – Mordinstinkt

Mesrine: L'instinct de mort. F 2008. R: Jean-François Richet. B: Abdel Raouf Dafri. K: Robert Gantz. S: Hervé Schneid. M: Marco Beltrami. P: Remstar, Pathé, La Petite Reine, M6 Films. D: Vincent Cassel, Cécile de France, Gerard Depardieu, Roy Dupuis, Gilles Lellouche, Elena Anaya, Michel Duchaussoy, Myriam Boyer u.a.
110 Min. Senator ab 23.4.09

Public Enemy No. 1 – Todestrieb

Mesrine: L'ennemi public no 1. F 2008. R,B: Jean-François Richet. B: Abdel Raouf Dafri. K: Robert Gantz. S: Hervé Schneid, Bill Pankow. M: Marco Beltrami, Marcus Trumpp. P: Remstar, Pathé, La Petite Reine, M6 Films. D: Vincent Cassel, Ludivine Sagnier, Mathieu Amalric, Gérard Lanvin, Samuel Le Bihan, Olivier Gourmet, Michel Duchaussoy, Myriam Boyer u.a.
130 Min. Senator ab 21.5.09

Il ne regrette rien

Von Nils Bothmann Kein Film reicht aus, ein ganzes Leben einzufangen – so verkünden es Texttafeln zu Beginn beider Public Enemy No. 1-Filme. Zwei allerdings auch nicht, denn selbst mit diesem ambitionierten Projekt ist es den Machern nicht gelungen, den Schwerverbrecher Jacques Mesrine komplett greifbar zu machen. Insgesamt kaut das Double Feature rund 20 Jahre in Mesrines Leben durch, vom Start seiner Verbrecherkarriere bis zu seinem Tod im Kugelhagel 1979. Man durchlebt die Erlebnisse, die ihn prägten, lernt vor allem die Menschen kennen, die ihn formten: Mentoren, Freunde, Frauen an seiner Seite. Doch komplett faßbar ist die Figur trotzdem nicht.

Dafür will man hier zuviel, gleichzeitig möglichst viel darstellen und trotzdem bestimmte Episoden in Mesrines Leben genau ausarbeiten – ein Rezept, das immer wieder zu unschönen Sprüngen in der Narration führt. Von daher entfalten die vier Stunden, die beide Filme zusammen in Anspruch nehmen, nicht ganz die Wucht von Der Pate oder Scarface. Letzterem ist Public Enemy No. 1 inhaltlich nicht unähnlich: Während Tony Montana dereinst vom mittellosen Flüchtling zum mächtigen Drogenbaron aufstieg, entwickelt sich Jacques Mesrine vom Kriegsheimkehrer zum leidenschaftlichen Berufsverbrecher. Die Vorgeschichte wird ausgespart, lediglich eine kurze Szene während seiner Dienstzeit im Algerienkrieg erklärt Mesrines erste Zweifel an der Institution Staat: Als Soldat weigert er sich, eine Frau zu erschießen, um ihrem Bruder Informationen zu entlocken.

Dieses Mißtrauen dem Staat gegenüber prägt Mesrines Verbrecherkarriere, der seine Akte zunehmend als politische Statements sieht und die Medien miteinbezieht. Einer seiner spektakulärsten Coups ist die Veröffentlichung seiner Autobiographie »Der Todestrieb«, auf welcher die Public Enemy No. 1-Filme partiell fußen. Tatsächlich fällt es schwer, sich der Faszination Mesrines zu widersetzen. Gleichzeitig einfallsreicher Gentleman-Gangster und brutaler Mörder, Staatsfeind und Familienmensch, charmanter Liebhaber und größenwahnsinniger Egomane in einer Person. Weder romantisiert noch verdammt Public Enemy No. 1 seinen Protagonisten, stattdessen überläßt er das Urteil dem Zuschauer, indem er Mesrine so ambivalent wie möglich darstellt. Man ist fasziniert von der Brillanz, mit welcher der Mann sich bei einer Gerichtsverhandlung selbst verteidigt, man ist abgestoßen von der Kälte, mit der Mesrine und ein Komplize zwei Forstbeamte in Québec hinrichten.

Leider geht die Fokussierung auf Mesrine zulasten der Nebenfiguren, sein Verhältnis zu bestimmten Komplizen oder der eigenen Tochter ist nur schwer nachzuvollziehen. Die Handlungssprünge sind da nicht gerade hilfreich, da sich so kaum erschließt, warum Mesrine sich bei seinen Taten zunehmend politischer gibt. So entsteht auch zwischen den Filmen ein Bruch. Mordinstinkt endet mit Mesrines erster politischer Aktion, dem Angriff auf ein repressives Gefängnis in Kanada, Todestrieb beginnt an einem Punkt, als er bereits in Frankreich zum Staatsfeind Nr. 1 aufgestiegen ist.

Doch während das Skript den Film nicht immer trägt, so sind es Regie und Besetzung, die stets auf der sicheren Seite sind. Gerade Vincent Cassel erweist sich als Idealbesetzung für den Schwerverbrecher, der auch als Mann mit den tausend Gesichtern bekannt war. Jede Facette Mesrines fängt er mit seinem Spiel glaubhaft ein, hat dabei auch Mut zur Häßlichkeit, wenn er zwischendrin ungepflegt und mit dickem Schmerbauch rumrennen muß. Stark sind auch die Nebendarsteller, teilweise jedoch in kleinen Rollen verschenkt. Großartige Mimen wie Samuel Le Bihan oder Cécile de France haben bloß bessere Gastrollen, einzig und allein Olivier Gourmet als Mesrines Gegenspieler in Todestrieb kann sein Können vollends zeigen.

Auch Regisseur Jean-François Richet leistet großartige Arbeit. Mit seinem naturalistischen Look erinnert Public Enemy No.1 stets an französische Kriminalfilme der 1970er und 1980er, auch die Filmsprache steht diesen Filmen näher als dem heutigen Blockbusterkino. Eine meist sehr ruhige Schnittfrequenz, längere Einstellungen und gemächliche Kamerafahrten erinnern an diese Vorbilder; einzig und allein der gelegentliche Einsatz von Split Screens wirkt wie ein Zugeständnis an heutige Zeiten – obwohl schon in den 70ern beliebt. Gerade Richets souveräne Inszenierung adelt Public Enemy No. 1 zu gelungenem Genrekino; für die französische Antwort auf Scarface fehlt dann allerdings ein dichteres Skript.

2009-04-22 10:00

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