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Harlan – Im Schatten von Jud Süß

D 2009. R,B: Felix Moeller. K: Ludolph Weyer. S: Anette Fleming. M: Marco Hertenstein. P: Blueprint Film.
100 Min. Salzgeber ab 23.4.09

Die Harlans

Von Rebekka Hufendiek Felix Moellers Dokumentarfilm Harlan – Im Schatten von Jud Süß ist zunächst ein Porträt Veit Harlan, Regisseur des antisemitischen Propagandafilms Jud Süß (1940). Seine Vita wird referiert, seine wichtigsten Filme werden besprochen, Ausschnitte gezeigt, Material eingeblendet und Zeitzeugen befragt. Moellers Film ist solide, informativ und recht konventionell in der Machart. Wer einen Überblick über das Harlansche Werk gewinnen will, ist hier genau richtig. Dabei reduziert Moeller Harlans Wirken im NS-Film glücklicherweise nicht auf Jud Süß, sondern gibt einen breit angelegten Überblick über sein filmisches Schaffen ab 1937. So wird etwa auf Harlans Beitrag zur Blut- und Boden-Ideologie, Die goldene Stadt (1942), verwiesen, und die ideologisch aufgeladene Verhandlung von Themen wie Treue und Opferbereitschaft in Melodramen wie Immensee (1943) und Opfergang (1944) sichtbar gemacht. Thomas Harlan bemerkt im Interview treffend, Harlans Hang zum Kitsch und sein ästhetisches Verfahren der »chemischen Herstellung von Gefühlen« zeige sich in den immer wiederkehrenden Engelschören im Hintergrund.

Wirklich interessant aber wird Moellers Film erst dadurch, daß er die Geschichte Harlans von Anfang an auch als Familiengeschichte erzählt – oder vielmehr: sie von der Familie erzählen läßt. Gleich zu Beginn des Films zeichnet Alice Harlan, Tochter von Thomas und Enkelin von Veit, einen Stammbaum auf. Fast alle dort Verzeichneten kommen im Film ausführlich zu Wort. Stehen die Interviews zu Beginn des Films noch stark im Zeichen der Illustration des Lebens und Werks Veit Harlans, so gewinnen die einzelnen Personen im Laufe des Films immer mehr an Profil und Geschichte. Vor allem im Fall von Thomas Harlan und seiner Schwester Maria Körber wird ersichtlich, wie sehr beide ihre Biographie als Reaktion auf die des Vaters gestalteten. Während Thomas Harlan in jahrelanger Recherche Kriegsverbrecher im Osten ausfindig zu machen suchte, heiratete Maria Körber einen Juden. Nach eigener Aussage aus dem Bedürfnis heraus, etwas wiedergutzumachen, was sich schließlich als »Schuß in den Ofen« erwiesen habe.

Auf eindrückliche Weise gelingt es durch die Montage, die Familienmitglieder in einen virtuellen Dialog zu bringen, in dem nicht nur exemplarisch die Konflikte der Nachkriegszeit sichtbar werden, sondern auch Raum für individuelle Anekdoten bleibt. So erzählt Christiane Kubrick, Nichte von Veit Harlan, wie Stanley Kubrick in München vor seinem ersten Besuch der Familie einen Zahnputzbecher mit Wodka leerte und anschließend zu ihr sagte: »I’m standing here like Woody Allen, looking like ten jews.« Der freundliche Empfang bei den Harlans habe Kubrick dann so irritiert, daß er über Jahre einen Film über das Filmemachen im Dritten Reich plante, der aber letztlich nie zustande kam. Moellers Film lohnt sich schon für solche Anekdoten und porträtiert darüber hinaus ein Stück Kriegs- und Nachkriegsgeschichte, das bis in die Gegenwart reicht.

2009-04-17 12:00

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