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WinneToons – Die Legende vom Schatz im Silbersee

D 2009. R: Gert Ludewig. B: Jeffrey Scott, Lee Maddux. S: Lothar Werthschulte. M: Adrian Askew. P: Animationsstudio Ludewig.
80 Min. Farbfilm 16.4.09

Das Rindertriebfachangestellte-und-native-Amerikaner-Spiel

Von Carsten Tritt Die kindgerechte Neubearbeitung von Kulturgütern ist an sich nichts schlechtes. Es kann nicht schaden, wenn die Kleinen sich in der »Odyssee« oder den »Nibelungen« zumindest grob zurechtfinden, wenn auch nur aufgrund einer Fassung in kindgerechter Sprache. Ein Problem ergibt sich dann, wenn die Bearbeitung aus pädagogischem oder kommerziellem Vorabgehorsam unsinnige Änderungen vornimmt, die zu einer völligen Verwässerung führen. Für mich als Vertreter einer Generation, die Wilhelm Busch, den Struwwelpeter und zu einem großen Teil auch Grimms Märchen noch in der Uncut-Fassung erleben durften, muß es natürlich verstörend wirken, wenn Lukas der Lokomotivführer in einer Zeichentrickserie plötzlich als Nichtraucher auftritt – da ist der Verfall sämtlicher Werte bei der Jugend von heute ja quasi schon vorprogrammiert.

Jetzt also WinneToons. Bereits vor einigen Jahren durften Karl Mays Helden in dieser Kinderserie durchs öffentlich-rechtliche Kinderprogramm reiten und dies offenbar erfolgreich genug, um nun noch einen Kinofilm nachzuschieben. Doch auch diese freie Neuadaption des »Schatz im Silbersee« enttäuscht letztlich durch ihre durchs Schielen auf die internationale Verwertbarkeit begründeten Widersprüchlichkeiten, was sich übrigens schon im Filmtitel manifestiert: Da wird die Geschichte zwecks Mystifizierung zur Legende befördert, jedoch dann wieder vor dem hierdurch bedingten genitivus obiectivus feige gekniffen. Allerdings steht, wenn man aufdröselt, woran der Film gescheitert ist, an erster Stelle das Drehbuch. Obwohl Die Legende von dem Schatz im Silbersee eine deutsch-belgische Produktion ist, wurden zwei erfahrene US-amerikanische Autoren beauftragt. Lee Maddux hat unter anderem für die Serie Agentin mit Herz gearbeitet, Jeffrey Scott hat für zahlreiche Cartoon-Serien geschrieben, z.B. Muppet Babies und der Ninja Turtles-Zeichentrickserie, und Lee und Scott haben auch schon Drehbücher zur WinneToons-Fernsehserie geschrieben. Das von ihnen verfaßte Filmskript ist dann auch nur routiniert-schematisierter Standard, wie man ihn aus US-Cartoons zu genüge kennt, und der sich zuvorderst an das US-Abenteuerkino orientiert. Wie fremd den Autoren die europäischen Vorstellungen von Wildwest geblieben sein müssen, zeigt sich vor allem am Schluß des Films, der eher ein gezeichnetes Indiana-Jones-Abenteuer ist. Daß die sowieso nie übers Klischee hinausgehenden Charaktere noch um lustige Tier-Sidekicks bereichert werden, ist dem Filmgenuß übrigens auch nicht unbedingt zuträglich.

Die Illustrationen hingegen sind gelungen, insbesondere angesichts des beschränkten Budgets. Die Zwischenphasen sind zwar, wie üblich, kostengünstig in Asien hergestellt. Die Bildgestaltung und die Landschaftsinszenierungen aber sind, wenn auch nicht herausragend, aber doch reizvoll, wenn etwa die Weite der Prärie zelebriert wird oder den Silbersee dann doch zumindest der Hauch von jugoslawischem Naturschutzgebiet umzieht. Auch die Sprecher wurden offenbar mit Bedacht ausgewählt: Christian Tramitz ist ja nicht nur lang etablierter Synchronsprecher, sondern seit seinem Auftritt im Schuh des Manitu eigentlich sowieso der legitime Nachfolger von Lex Barker, auch Thomas Fritsch oder der als Winnetou aus der Zeichentrickserie übernommene Sascha Draeger passen im Prinzip hervorragend. Dennoch ist das Ergebnis bei allen Sprechern nicht durchweg überzeugend. Es dürfte allerdings weniger davon auszugehen sein, daß alle angesichts der uninspirierten Dialoge die Unlust gepackt hat denn daß die Synchronregie hier geschlampert hat. Als einziger davon nicht betroffen ist übrigens Eckart Dux als Sam Hawkins, bei dem jeder gesprochene Satz großartig klingt, unabhängig von Intelligenzgehalt seines Inhaltes.

Es steht, wie auch andere Produktionen zeigen, um den deutschen Kinderfilm nicht schlecht. Obwohl Die Legende von dem Schatz im Silbersee im Ergebnis allenfalls mittelmäßig ist, läßt auch er erahnen, was möglich gewesen wäre, hätten die Produzenten sich statt dem internationalen Markt anzubiedern auf eigene Stärken vertraut – finanziell mag ihre Entscheidung in Hinblick auf den Auslandsvertrieb nachvollziehbar sein, künstlerisch ist sie es nicht. Schließlich hat es gerade Winnetou sogar schon zweimal geschafft, die hiesige Populärkultur zu bereichern – als Jugendbuch, und schon inzwischen fast losgelöst von diesem Erfolg, als Kintopp. Es wäre schon allein aus nostalgischen Gründen schön, wenn auch für die nächste Generation hiervon mehr übrig bliebe als globalisierter Einheits-Zeichentrick mit der Geschmacksnote eines McDonald’s-Hamburgers.

2009-04-07 10:46

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