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Chaostage

D 2008. R,B: Tarek Ehlail. K: Marc André Misman, Jan Tretschok. S: Lars Doneith, Oliver Don. M: Alec Empire. P: Sabotakt. D: Claude-Oliver Rudolph, Martin Semmelrogge, Christoph Letkowski, Ralf Richter, Ullrich Fassnacht, Stipe Erceg, Henriette Müller, Christian Beuter u.a.
90 Min. Sabotakt ab 9.4.09

Back to No Future

Von Mary Keiser Es gibt nichts Schlimmeres für einen Punk, als von der Gesellschaft akzeptiert zu werden, schlimmer noch, von ihr vereinnahmt und mißbraucht zu werden. Der Chaostage-Film ist die Antwort auf die schleichende Enteignung der Subkultur, auf irokesenschnitttragende Fußballprolls, auf Mainstreambands, die ihre belanglose Musik mit dem Attribut »Punk« aufpeppen, und auf Ramones-Shirts von Hennes & Mauritz im pseudo-authentischen »used look«. Denn jeder Nicht-Punk, der diesen Film sieht, will mit Punk garantiert nichts mehr zu tun haben. Sowohl die gleichnamige Buchvorlage als auch ihre Verfilmung sind absoluter Schund und zwar mit Vorsatz. Letzteren pointiert im Film selbst Wolfgang Wendland, Sänger der Band Die Kassierer: »Das, was die Öffentlichkeit von dieser ganzen Bewegung mitkriegt, sind nur die Leute, die in ihrer Kotze liegen – und das ist auch gut so, daß eben nicht bekannt wird, was sonst dahinter steckt.« Punk entzieht sich bekanntlich einer genauen Definition, aber diese Aussage kommt dem Lebensgefühl vieler deutscher Punks schon sehr nahe.

Aus der Bewegung entwickelten sich später die verschiedensten politischen Strömungen, aber der Auslöser für den Beitritt zur Szene war für die meisten schlicht und einfach Langeweile. Sie rebellierten nicht aus Mangel an Perspektiven, weil sie etwa aus sozial schwachen Familien stammten. Ganz im Gegenteil hatten sie alle Voraussetzungen, um »es einmal besser zu haben« als ihre Eltern. Da die Wohlstandskinder es in ihrem Leben aber immer schon gut gehabt hatten, konnten sie das Streben ihrer Eltern nach materieller Absicherung nicht nachvollziehen, vor allem da dieses meist auf Kosten zwischenmenschlicher Qualitäten ging. Also bildeten sie ihre eigene Familie und versuchten alles zu vergessen, was ihre Eltern ihnen an guten Manieren, grammatisch korrekter Ausdrucksweise und Fertigkeiten in klassischer Musik beigebracht hatten. Das bewußte Wegwerfen von Zukunftsperspektiven und allen möglichen Begabungen, im Volksmund »auf alles scheißen« genannt, ist genau das, was Eltern und sonstige Vernünftige so auf die Palme brachte und zu den immer gleichen Äußerungen führte: »Was haben wir nur falsch gemacht?« oder »Aber Du hattest doch immer so schöne Haare!«

Nach diesem Prinzip versuchen auch die Chaostage-Macher, ihr Talent zu verschleiern und geben sich alle Mühe, Punk wieder als Feindbild zu etablieren. Die cliphafte, aber ausgereifte Kamera- und Schnittechnik relativiert zwar den Trash-Charakter des Films, dafür geht es dann aber im fiktiven Teil, der auf dem Buch von Moses Arndt basiert, nur um Sex, Saufen und Randale. Sehr viele Punks werden dort alles verraten sehen, wofür sie zu stehen glauben – vor allem die weiblichen, die in diesem Film genau das Frauenbild vertreten sehen, weswegen die meisten von ihnen eigentlich der übrigen Gesellschaft entkommen wollten. Tatsächlich sieht man in der Realität wohl eher selten Mädels oben ohne auf einem Punkkonzert (das gleiche gilt übrigens für Mädels unten ohne, die auf Kühlerhauben urinieren). Dagegen sind die Nazi-Skinheads eher als bemitleidenswerte Opfer ihrer geistigen Schlichtheit dargestellt denn als gefährliche Schläger, weshalb die Dresche der Punks umso asozialer rüberkommt.

Die sich auf Groschenromanniveau bewegende Story wird durch wild zusammengeschnittene Interviewfragmente ergänzt, eine mutmaßliche Persiflage auf Shows wie »Die nervigsten Pop-Hits der 90er« oder wie sie auch immer heißen mögen. Tatsächlich machen die wenigsten Aussagen der Interviewten auf diese Weise Sinn – dazu kommt noch, daß sie sich zwischendurch an fiktive Ereignisse aus dem Spielfilmteil erinnern. Dessen Besetzung besteht aus echten Punks sowie echten Schauspielern, davon einige erklärte Helden der Szene wie Ralf Richter, Martin Semmelrogge, Claude-Oliver Rudolph, Rolf Zacher und Helge Schneider. Die Kommentare im Dokuteil stammen größtenteils von Sängern einschlägiger Bands, außerdem von Karl Nagel, dem ehemaligen Vorsitzenden der APPD, und Schauspieler Ben Becker, dem schon damals, als er nach den Chaostagen 1995 unter anderem auch mit Moses Arndt bei Boulevard Bio zu Gast war, keiner den Punk abgenommen hat.

Zusammengefaßt gesagt: Den Machern von Chaostage ist nichts heilig, sie halten sich an keine Regeln, weder die der Genres noch die des Anstands. Darin sind sie sogar so konsequent, daß sie sich von BMW, Coca Cola und Konsorten sponsern ließen. Eigentlich ist das sogar das Punkigste daran, denn die Chaostage-Macher um Regisseur Tarek Ehlail drehen den Spieß um und machen aus ehemaligen »Feinden« Unterstützer. Die Saarländer Polizei stellte für den Film alte Polizeifahrzeuge zur Verfügung, und die beste Promotion kommt von der Bild-Zeitung, die zu den Premierenfeiern werbewirksame Schlagzeilen lieferte. Abschließend läßt sich nur sagen: Dat is Punk, dat raffste nie.
2009-04-15 15:45

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