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So glücklich war ich noch nie

D 2009. R,B: Alexander Adolph. K: Jutta Pohlmann. S: Silke Botsch. M: Dieter Schleip. P: Eikon. D: Devid Striesow, Nadja Uhl, Jörg Schüttauf, Floriane Daniel, Christian Kahrmann, Florian Martens u.a.
94 Min. Kinowelt ab 9.4.09

Träum’ Dich frei

Von Felix von Boehm Alexander Adolph entlockt den eiskalten Augen von Devid Striesow den manischen Blick eines Hochstaplers: ein Blick, der in seiner Klarheit täuscht, sieht der frisch aus der Haft entlassene Frank die Welt doch so verschwommen. Zwei Jahre lang hat er wegen wiederholten Betrugs gesessen. Nun muß er sich in einer Welt zurechtfinden, die ihn langweilt. Schon bald gibt er sich bei Tanja, die er am Tag seiner Verhaftung in einer teuren Boutique kennengelernt hat, als erfolgreicher Geschäftsmann aus, um schließlich selbst zu erfahren, daß sie als Prostituierte arbeitet – umso mehr ein Anreiz, auch Tanja das Träumen beizubringen.

Ganz bewußt entscheiden sich Frank und Tanja gegen die Realität – und Alexander Adolph gibt ihnen Recht und macht sie zu einem Paar der Filmgeschichte, das in der Tradition von Bonnie und Clyde oder Michel und Patricia (Außer Atem) steht. In ihrer Beziehung liegen der Freigeist und die Kraft dieses Films, der nicht davor zurückschreckt, sein Publikum mit der falschen Seite sympathisieren zu lassen – mit einem Weltfremden, einem Kranken, einem Kriminellen. Bereits vor drei Jahren widmete sich Alexander Adolph in seinem Dokumentarfilm Die Hochstapler jenen Aufschneidern, die sich ihre eigene Welt bauen und im Glauben an ihre Geschichte tragisch an der Realität zugrundegehen. Nun hat Adolph seine Rechercheergebnisse in eine ­glänzende Fiktion gepackt und erweitert mit seinem Film die Kinogeschichte nach Ernst Lubitschs Gaston LaValle, dem von Hans Albers gespielten Baron von Münchhausen und Steven Soderberghs Casino-Gangstern um einen Hochstapler von nebenan. Und genau hierin liegt die Radikalität dieses Films, der so unauffällig und unprätentiös daherkommt, der auf Kanonenkugeln als Gefährt und Las Vegas als Schauplatz verzichtet und dem Zuschauer erbarmungslos erzählt, wie schnell aus harmlosen Wunschvorstellungen und Träumen krankhafter ­Realitätsverlust und tragische Lebenslügen entstehen können. Warum Frank dennoch eine magische Anziehungskraft auf die anderen Figuren des Films und auch auf uns Zuschauer hat? Weil er den Mut hat, sich eine andere Welt vorzustellen. Weil er sich die Freiheit nimmt, seine eigene Geschichte­ zu schreiben. Und weil er alles dafür riskiert, glücklich zu sein.
2009-04-06 11:45

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #54.

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