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Bedingungslos

Kærlighed på film. DK 2007. R,B: Ole Bornedal. K: Dan Laustsen. S: Anders Villadsen. M: Joachim Holbek. P: Thura Film. D: Anders Wodskou Berthelsen, Rebecka Hemse, Nikolaj Lie Kaas, Charlotte Fich, Dejan Cukic u.a.
99 Min. MFA ab 9.4.09

The Things We Do for Love

Von Patrick Hilpisch Eines gleich vorweg: Das Ende von Bedingungslos hält nicht ganz, was der Anfang verspricht. Dennoch gehört der Film zu den besten dänischen Kinoproduktionen der letzten Jahre. Denn was Ole Bornedal in den ersten 80 Minuten seiner filmischen Abhandlung über Obsession, Liebe und Sehnsucht präsentiert, ist ganz große Filmkunst – sowohl in narrativer als auch in ästhetischer Hinsicht. Bornedals tragische »Liebesgeschichte« ist ein stilsicherer Neo-Noir, ist ein Familiendrama, ist das Psychogramm eines Mannes in der Midlife Crisis auf der Suche nach Erfüllung. Dabei zeichnet sich der Film durch einen selbstbewußten und reflexiven Umgang mit der Filmgeschichte aus. Das fängt beim Sunset Boulevard-Zitat in der Eingangssequenz an und hört beim direkten Bezug des Erzählers auf Filmkonventionen noch lange nicht auf.

Bornedal reiht Chiffre an Chiffre und spinnt auf diese Weise ein komplexes Netz an ­intertextuellen Verweisen und Zitaten. Kunstvoll verwebt der Regisseur die unterschiedlichen Plotlines. Rückblenden, zeitliche Verschachtelungen, Parallelmontagen, Rückprojektionen – Bornedal­ hat seine Hausaufgaben gemacht und braucht sich auch hinter den großen Meistern nicht zu verstecken. Das starke narrative Gerüst des Films wird von einer expressiven Tonspur und Dan Laustsens­ kalten, ­desaturierten Bildern unterfüttert. Der Kameramann zaubert etwa eine der »schönsten« und eindringlichsten Unfallsequenzen der Filmgeschichte auf die Leinwand. Die Sequenz ist – wie so vieles im Film – aufgesplittert und setzt sich erst im Kopf des Zuschauers in ihrer ganzen Wucht zusammen. Diese offensive Verschachtelung von zentralen Plotlines trägt unmittelbar zur ­einzigartigen Aura bei.

Doch in dem Moment, in dem sich die Puzzleteile zu einem vollständigen Bild zusammengesetzt haben, verliert der Film etwas von seiner magischen Anziehungskraft. Von der im Film zitierten hübschen Frau und dem Geheimnis, die die Grundlage eines jeden Film noirs ausmachen, bleibt – ein wenig zu früh – nur noch die hübsche Frau in Gefahr. Bedingungslos droht hier fast, in einen guten, aber gewöhnlichen Psychothriller abzurutschen. Die Suche nach mehr Aufregung, mehr Action, vielleicht sogar mehr Sinn im Leben – Ole Bornedal spiegelt in seinem Erzähler Jonas die Motivation, die hinter jedem Gang ins Kino steckt. Dabei gelingt dem Regisseur nicht nur eine visuell anregende und spannende Liebeserklärung an und Verbeugung vor dem Kino. Er positioniert sich auch bezüglich der alten Frage, ob heute die Kunst das Leben oder das Leben die Kunst imitiert. 2009-04-07 11:55

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #54.

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