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Vorstadtkrokodile

D 2009. R,B: Christian Ditter. B: Martin Ritzenhoff. K: Christian Rein. S: Ueli Christen. P: Westside, Rat Pack, Constantin Film. D: Nick Romeo Reimann, Fabian Halbig, Manuel Steitz, Leonie Tepe, Axel Stein, Oktay Özdemir u.a.
98 Min. Constantin ab 26.3.09

Die wollen nur spielen

Von Natália Wiedmann Körperliche Behinderung, jugendliche Kriminalität, Vorurteile gegen Immigranten – das ist der Stoff für so manche Unterrichtsstunde, und so ist es nicht weiter verwunderlich, daß Max von der Grüns 1976 erschienenes Buch um die Kinderbande »Vorstadtkrokodile«, die drei halbstarke Einbrecher dingfest macht, immer noch als Schullektüre herangezogen wird. Über seine Themen hinaus gibt der dröge Text nicht viel her; vorhersehbar die Geschichte, abwechslungsarm die Sprache, eindimensional die Figuren, welche kaum als mehr erscheinen denn eine Verbindung zwischen einem Namen und einer Eigenschaft – und sei es, in der Nase zu bohren. Ausgenommen Kurt, den Protagonisten mit Behinderung, wie es politisch korrekt heißen muß. Nicht ohne Grund, klingt in dieser Bezeichnung doch an, daß die jeweilige Beeinträchtigung zwar ein Teil des Menschen ist, aber noch lange nicht das, was ihn definiert. Gerade dies will sich aber in von der Grüns Werk bisweilen nicht so recht vermitteln; zu sehr ist es darum bemüht, immer wieder die besonderen Schwierigkeiten eines Jungen im Rollstuhl zu schildern. Wie erfrischend anders ist da die stark modernisierte Neuverfilmung! So manche gute Idee konnte man dem WDR-Fernsehfilm von 1977 entnehmen: Damals schon befreite man die Geschichte von merkwürdig unmotivierten Einsprengselungen der Vorlage, fand einen plausiblen Anlaß für das Zusammentreffen von Kurt und den Krokodilern, pointierte die Begegnung mit dem intoleranten Minigolfbesitzer, integrierte Kurt mit größerer Selbstverständlichkeit in die Bandenaktivitäten – Veränderungen, welches das jetzige Remake weiter ausfeilt.

Schon die ersten Einstellungen führen per Parallelmontage den jüngsten Bandenzugang Hannes mit dem querschnittsgelähmten Kai zusammen: Während ersterer sich zum Bestehen der Aufnahmeprüfung vorsichtig an den Sprossen einer rostigen Feuerleiter hochzieht, streckt sich Kai in seinem Zimmer vor einem Regal, um an sein Teleskop zu gelangen; ein Match Cut, der nicht zuletzt darauf verweist, wie schnell es auch Hannes hätte passieren können, im Rollstuhl zu landen. Und darauf, daß Kai sich nicht als einziger die Anerkennung der Gruppe erkämpfen muß. Löblich die in den Presseinformationen formulierte Absicht des Regisseurs, bei jeder Figur eine Integrationsgeschichte anzulegen; neu ist zum Beispiel das Bandenmitglied Jorgo mit Migrationshintergrund, dessen Darstellung mitunter aber zu sehr ins Klischeehafte abdriftet – was bei Kai erfolgreich vermieden wird. Dieser ist nicht etwa ein nachdenklich-lieber Kerl von unablässiger Höflichkeit, sondern zeigt sich durchaus auch von unsympathischen Seiten und steht den anderen Krokodilern in Punkto Großmäuligkeit in nichts nach. Mit der lockeren und selbstironischen Thematisierung seiner Beeinträchtigung setzt er sich gegen eine Sichtweise zur Wehr, in der er nur als bemitleidenswert und unselbständig betrachtet wird, und so hat man keine Scheu, über seine schlagfertigen Sprüche herzlich zu lachen. »Ich spür’ meine Beine nicht mehr!«, flachst er am Boden liegend, nachdem er in einer aberwitzigen Verfolgungsjagd auf dem getunten Rollstuhl tatsächlich zum »Rennfahrer« wurde – so der ironische Spitzname seines filmischen Vorgängers in den Siebzigern. Mächtig übertrieben ist das schon – aber warum sollten die Actionszenen den Fußgängern vorbehalten sein?

Fabian Halbig, Schlagzeuger der Jugendband Killerpilze, gibt als Kai sein überraschend unverkrampftes Schauspieldebüt; Zugpferd Nick Romeo Reimann, der durch Die Wilden Kerle bereits einige Bekanntheit erreichte, hat alias Hannes zwar seine starken Momente, ihm steckt der »Wilde Kerl« aber noch merklich in den Knochen: An seiner Körperhaltung hätte man noch etwas arbeiten können, erweckt er doch stets den Eindruck, mit stolzgeschwellter Brust durch die Straßen zu ziehen. Aber er ist ja noch sehr jung, das wächst sich sicher noch aus, und gerade, daß man den Altersvorsprung der anderen Krokodiler neben seinem selbstbewußten Spiel ganz vergißt, spricht für ihn. Trotzdem schade, daß die Bandenmitglieder nicht gleichberechtigter agieren, auch wenn natürlich jeder seinen Beitrag zur Überwältigung der Diebesbande leisten darf; vor allem beim überzeugenden Manuel Steitz als Oberkrokodil Olli hätte man sich mehr Screentime gewünscht.

Die Figur des kleinkriminellen großen Bruders enttäuscht zunächst, scheint sie doch dem vielschichtigen Schauspiel Jacob Matschenz’ nicht gerecht zu werden, doch ein kurzer Blick ins Familienleben legt die Spur für eine Kontextualisierung seines Verhaltens, die sich im Buch so nicht wiederfindet; der letzte, fast entschuldigende Blick zum Bruder rührt zu Mitleid. Daß dem »Angry Young Man« zwei Dumpfbacken als Spießgesellen zur Seite gestellt werden, ist doppelt zu bedauern: Zum einen fragt man sich, warum soviel Mühe daran gesetzt wird, die Jugendlichen über halsbrecherische Stunts als selbstbewußte und furchtlose Kämpfernaturen darzustellen, nur um ihre Stärke im nächsten Atemzug durch die Demonstration intellektuell unterentwickelter Gegenspieler herabzusetzen; zum anderen mögen die jüngsten Zuschauer Blödeleien wie den gegen die Autotür knallenden Schwachkopf zwar für große Gaudi halten, groß allerdings auch die Gefahr, daß die etwas älteren sich genervt abwenden. Aus ganz anderen Gründen ist die Karikatur der Polizisten zu beklagen: Hatte man etwa nicht den Mut zur Kritik an »gewöhnlichen« Erwachsenen?

Sicher, Anlässe zum Mosern findet man genug, auch über die genannten hinaus: Szenen überzogener Dramatik oder Emotionalität, abrupte Wechsel von Haltungen und Stimmungen, das klamaukartige Scoring der ungleichen Verfolgungsjagd und der »bildbasierten Verbrechensaufklärung«, wo die elektronisch gehaltene Originalmusik doch ansonsten durch einen angenehmen Mix aus Synthieklängen besticht. Aber Schwächen hin oder her, diese Neuverfilmung hat genau das, was der Buchvorlage fehlt: Lebendigkeit und Witz. Das Kino verläßt man beschwingt und gut gelaunt, den Titelsong der Kiddie-Band Apollo 3 (seltsam sinnig, eine so junge Gruppe nach einem unbemannten Testflug zu benennen) noch im Ohr; der Sommer wird herrlich. 2009-03-24 14:15

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