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Religulous

USA 2008. R: Larry Charles. B: Bill Maher. K: Anthony Hardwick. S: Jeff Groth, Christian Kinnard, Jeffrey M. Werner. P: Thousand Words.
101 Min. Central ab 2.4.09

Gläubig sind die geistig Schwachen

Von Daniel Bickermann Vor einigen Jahren erklagte sich ein Atheistenverband in Schweden (dem Land mit der höchsten Nichtglaubensquote der Welt) die Erlaubnis, einmal täglich einen Rufer auf eine der höchsten Brücken der Hauptstadt zu stellen und von dort dreimal die Nichtexistenz Gottes und/oder dessen Tod auszurufen. Wenn Christen mit ihren Glocken bimmeln und Moslems von ihren Minaretten heruntersingen dürfen, so die Begründung der Richter, müßte man schließlich auch »Gottes loyaler Opposition«, wie Woody Allen den Atheismus einst nannte, eine Stimme erlauben. Die Frage, die sich bei diesem Gerichtsbeschluß ebenso wie bei dem komödiantisch angelegten Dokumentarfilm Religulous stellt, ist: Warum? Der Atheismus taugt nicht zur Proklamation oder zur Provokation – er war und ist die Stimme der Vernunft, hier liegt seine große Stärke und seine einzige Chance.

Nur kurz zur Erinnerung: Es besteht kein Zweifel daran, wie wichtig und überfällig das Thema dieses Films ist. Ungefähr 15% der Weltbevölkerung bekennen sich zum Atheismus. Eine Studie der Universität von Minnesota hat 2006 durch Befragung herausgefunden, daß in US-Haushalten die Atheisten als verachtenswerteste Minderheit überhaupt gelten – weit schlimmer als Juden, Moslems oder Homosexuelle. Dabei wäre es angesichts des religiösen Fanatismus von Christen, Juden, Moslems und Hindus im Kashmir, im Nahen Osten, in New Yorker Bürotürmen oder im Weißen Haus (es ist noch keine fünf Jahre her, daß ein US-Präsident das Christentum zum zentralen Dogma seiner Außenpolitik ausgerufen hat, ohne daß irgendjemand dem Mann spontan eine Bratpfanne über den Kopf gehauen hätte!) längst überfällig, die vergessenen Ideale der Aufklärung mal wieder ins Gedächtnis zu rufen. Die postmoderne Pop-Philosophie ist dabei leider keine große Hilfe, sie kokettiert mit der spielerischen Unvernunft und dem archaischen Chique der absolutistischen Weltreligionen, die nach dem Ende der politischen Systeme ein bequemes neues Weltordnungsgitter à la Huntington lieferten. Die kleine atheistische Welle, die sich in den letzten Jahren vor allem in den Naturwissenschaften zum Beispiel unter der Führung des wortmächtigen Richard Dawkins formte und für ein wenig Aufsehen sorgte, leistet großartige Arbeit, bleibt ohne Hilfe der gesellschaftlichen Mainstream-Multiplikatoren aber eine einsame Gedankenübung.

Deswegen war die Freude groß, als sich der liberale US-amerikanische Fernsehtalker und Komödiant Bill Maher und der Borat-Regisseur Larry Charles des Themas annahmen – mainstreamiger wird’s nicht. Und tatsächlich gibt es eine Handvoll amüsanter Szenen: Maher hört sich geduldig die unaussprechlichen Hirnverbiegungen von Gläubigen und (noch schlimmer) Glaubensfunktionären an und konfrontiert sie anschließend mit der Frage, warum sie zwar willens wären, ihren Lebenswandel einer unsichtbaren, ebenso allmächtigen wie untätigen personalen Autoritätsinstanz mit Hang zum literarischen Plagiarismus zu unterwerfen, aber gleichzeitig andere Leute nicht ernstnähmen, die an den Weihnachtsmann oder das Spaghettimonster glauben. In einigen Momente, wie beim Abdruck der Liste der angeblich von Mormonen getauften Persönlichkeiten der Weltgeschichte (Anne Frank, Josef Stalin, Dschingis Khan, etc.), reicht Religulous tatsächlich recht nah an Monty-Python-Albernheit heran.

Mahers Reise um die Welt und in die Zentren ihrer Religionsideologie sollte, ja: müßte, eigentlich genau jene Odyssee sein, die jeder gute Atheist hinter sich hat – das Privileg des Ungläubigen ist es, Verständnis für seine offensichtlich verstrahlten Mitmenschen suchen zu können, während die Gläubigen jeden Andersdenkenden immer als bedrohlich verachten werden. Aber genau hier scheitert das Filmprojekt leider doch auf ganzer Linie. Und zwar hauptsächlich, weil Maher eben nicht schwedisch, sondern amerikanisch argumentiert. Das beginnt mit einem ebenso polemischen wie arroganten Tonfall, wo der Vorteil des Atheismus doch immer seine Klarheit, seine Logik und Präzision, sein von Emotion oder Illusion unverstellter Blick auf Moral und Menschlichkeit war. Stattdessen kocht uns Maher eine biographische Schnulzensuppe, die die Argumentation vermenschlichen und emotionalisieren soll. Aber warum nur? Wen interessiert Bill Mahers Mutter und ihr Verhältnis zur Religion?

Zum anderen entpuppt sich Maher gleichzeitig als zu zahm und zu arrogant – genau in den falschen Bereichen. Seine Attitüde ist klugscheißerisch, er läßt sich auf die niederen Diskussionen ein, wo er doch den moralischen Höhenvorteil gehabt hätte. Er macht sich lustig über die geistig Schwachen, und die Inszenierung bestätigt ihn darin leider noch. Schlimmer noch, sie hinterfragt Maher nicht einmal, filmt ihn gar anhimmelnd von unten, wenn er mal selbst auf die Kanzel steigt, und läßt die anderen nicht mal ausreden: Die Editoren montieren die Widersprüche von Mahers Gesprächspartnern mit ihren eigenen, aus den Kontext gerissenen Reaction Shots – als würden sich die Porträtierten selbst noch nicht genug bloßstellen. Gleichzeitig kommt bei den vielen Zwischenschnitten auf Mahers schnippischen Nachtret-Kommentaren der Gedanke auf, dem Talkmaster wären erst einige Stunden später im Auto die richtig schlagfertigen Antworten einfallen, die er seinem Gegenüber ohnehin nicht ins Gesicht sagen wollte.

Das zeigt schon eine gewisse Feigheit, die den Film auch prägt: Maher will keineswegs Atheismus proklamieren, sondern erstmal nur Zweifel sähen. Ein radikaler Agnostiker sozusagen. Das macht ihn in gewisser Weise unangreifbar, aber eben auch halbherzig. Schließlich gäbe es gute Gründe für den Atheismus, dessen Zahlen in den vergangenen Jahrzehnten trotz Kirchenverdrossenheit kaum steigt – die meisten Menschen wandern einfach zum liberaleren Buddhismus über, wo ihre politischen, sexuellen und moralischen Extravaganzen freundlich lächelnd niedertoleriert werden, oder suchen sich aus dem rapide gewachsenen Esoterikangebot einfach einen spirituellen Baukasten für eine eigene Religion Marke Eigenbau. Und das führt zu keiner aufgeklärten oder moralphilosophisch integeren Bevölkerung, sondern verschiebt die Absurdität nur in einen Bereich, in dem uns die Rituale nicht ganz so bedrohlich erscheinen. Dabei ginge es bei diesem Thema nicht um Dummheit, wie Maher uns suggerieren will. Es geht um Selbstbefreiung, um Bildung, um die Hinterfragung von Autoritätsglauben. Zu all dem aber hat Maher nichts zu sagen. Er ergeht sich lieber in Aphorismen (»If it’s one this I hate more than prophecy, it’s self-fulfilling prophecy«), streut unnütze Provokationen über Masturbation ein und schießt sich lustvoll auf die Untersuchung der Symptome ein, anstatt tiefere Ursachenforschung zu betreiben.

Wer könnte nun Zielgruppe dieses Films sein? Als Atheist, und für Atheisten sollte dieser Film wohl gemacht sein, hätte man sich eine substantiellere Bestandaufnahme gewünscht, eine Bestärkung im Geiste der Aufklärung, ein wissenschaftliches und moralphilosophisches Traktat, das die Ungläubigen noch einmal in ihrem Widerstand gegen die organisierte Volksverdummung, die wissenschaftliche und moralische Willkür, die sexuelle und generelle Doppelmoral und die grausig-despotischen Dummheiten der meisten Weltkirchen bestärkt. Stattdessen kriegt man nur heiße Luft, die man schon tausendmal am eigenen Leib und im eigenen Umfeld erlebt hat. Und die Gläubigen werden sich wohl nicht in diesen Film verirren – ihnen würde dieser Blick über den Tellerrand ohenhin nur zeigen, daß die Rituale der anderen genauso willkürlich und unverständlich sind wie die eigenen. Dabei gibt es eine Alternative, es gibt sie seit Kant, es gibt sie seit Jahrhunderten. 2009-04-01 13:08

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