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Deutschland 09

D 2009. R,B: Fatih Akin, Wolfgang Becker, Sylke Enders, Dominik Graf u.a. K: Martin Gressmann, Frank Griebe, Bella Halben, Jürgen Jürges u.a. S: Peter Adam, Andrew Bird, Bettina Böhler, Mathilde Bonnefoy u.a. M: Reinhold Heil, Johnny Klimek, Niki Reiser, Tom Tykwer u.a. P: Herbstfilm. D: Adriana Altaras, Bernd Baron Boneberg, Josef Bierbichler, Bernd Birkhahn, Uwe Bohm u.a.
152 Min. Piffl ab 26.3.09

Die milden 13

Von Kyra Scheurer Typisch deutsch: Selbst, Staat und Befindlichkeit reflektieren. Insofern ist Deutschland 09 mit dem hochtrabenden Untertitel »13 kurze Filme zur Lage der Nation« ein symptomatischer Heimatfilm bzw. viele, ein ganzes »Bundesbouquet« quasi. Kompilationsfilme entstehen oft in unsicheren Zeiten – das gilt für Deutschland nach dem Mauerfall, Deutschland nach dem 11. September und vor allem für Deutschland im Herbst 1977, dessen u.a. von Fassbinder, Schlöndorff und Kluge gestaltetes gleichnamiges Kollektivwerk Filmgeschichte schrieb. Nun, in Zeiten von Globalisierung, Antiterrordatenbank und Finanzkrise, ist es wieder soweit: 13 deutsche Autorenfilmer völlig heterogener Ansätze und Handschriften machen je einen Kurzfilm zur Lage der Nation.

Und mag es auch um das Land Deutschland schlecht bestellt sein, um das Filmland Deutschland steht es recht gut, soviel immerhin beweist der D-Omnibus: Dani Levy schickt in einem verspielten Beitrag die Nation auf die Analyse-Couch, in Dominik Grafs beeindruckender essayistischer Super-8-Reflexion wird Gesellschaft über Gebäude erzählt und Architektur zum Diagnosemittel, während in Karmakars dokumentarischem Ausnahmeporträt eines persischstämmigen Sexclubbesitzers mehr über die deutsche Seele zu erfahren ist, als mancher wissen wollen wird. Auch die deutsche Schauspielkunst überzeugt: Regisseur Steinbichler läßt in einer humorvollen One-Man-Show seine virile Dauermuse Bierbichler einen von »Nietzsche-Beethoven-Obersalzberg« begleiteten Feldzug gegen die frisch modernisierte FAZ führen, Sandra Hüller und Jasmin Tabatabai verleihen in den Rollen von Ulrike Meinhof und Susan Sontag der ansonsten eher konstruierten Textcollage von Nicolette Krebitz die nötige Präsenz und Bodenhaftung. Aber auch erwartbare Beiträge sind unter den insgesamt recht wenig »wilden« 13: Weingartner und Becker liefern vordergründig Politisches ab, Projektinitiator Tykwer steuert einen handwerklich brillanten, sonst eher uninspirierten Anti-Globalisierungs-Film bei. Die Klammer ist ganz »Kunst«, also »Berliner Schule«: Angela Schanelec bebildert assoziativ und recht gelungen einen Brinkmanntext zum Einstand, Christoph »Revolver« Hochhäusler liefert abschließend eine eher bemühte Endzeiterzählung. Am erstaunlichsten an diesem insgesamt sehenswerten Projekt allerdings ist, daß den farblosesten Beitrag ausgerechnet Fatih Akin mit seinem Murat Kurnaz-Reenactment-Interview liefert. 2009-03-25 12:00
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