— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Henners Traum

D 2008. R,B: Klaus Stern. K: Stefan Pape, Harald Schmuck. S: Rike Anders. M: Michael Kadelbach. P: Stern-Film.
93 Min. RealFiction ab 26.3.09

Der Traum ist aus

Von Mark Stöhr Klaus Stern liebt Menschen mit Visionen. Vor vier Jahren porträtierte er in Weltmarktführer das Börsenwunderkind Tan Siekmann, der mit seiner Firma Biodata erst einen Totalabsturz hinlegte und danach einen Neuanfang versuchte. Nun begleitet er zwei Idealisten, die gemeinsame Sache machen und unterschiedlicher kaum sein könnten. Henner Sattler ist Bürgermeister in der nordhessischen Kleinstadt Hofgeismar, ein umtriebiger, integerer Typ mit provinziellem Charme. Tom Krause dagegen ist ein Global Player mit Hang zum Größenwahn, hektisch, geschwätzig und unverbindlich, der Architekturbüros in Dubai, São Paulo und Hamburg unterhält. Sattler und Krause haben ein ehrgeiziges Projekt: Sie wollen in einem verregneten und dauerklammen Gebiet ein mondänes Tourismus-Resort hochziehen, das größte Europas. Auf 800 Hektar entstehen fünf luxuriöse Hotels, 600 Villen und Ferienwohnungen, mehrere Golfplätze, eine künstliche Seenlandschaft, eine Trabrennbahn und ein Poloplatz. Besser: sollen entstehen. Denn noch werden Investoren gesucht. Davon handelt dieser Film.

Regisseur Stern ist zu schlau, um seine beiden Protagonisten vorzuführen. Ihm geht es um keine Dorfposse mit zwei diametralen Charakteren. Er will ökonomische Prozesse sichtbar machen. Nicht mit dem analytischen Strukturalismus eines Harun Farocki, mehr erzählend und flanierend. Er klemmt sich zweieinhalb Jahre lang an die Fersen des Bürgermeisters und seines Kompagnons auf ihrer ambitionierten Mission. Er begleitet Sattler auf Immobilienmessen in Dubai und München oder beobachtet ihn bei Treffen mit Hessens Ministerpräsident Roland Koch, der das Projekt unterstützt. Daß der Bürgermeister bei seinen Ausflügen in die Hochfinanz und politische Beletage nicht die allerbeste Figur macht, ist nicht die Schuld von Stern. Er arbeitete mit dem vollen Einverständnis seiner Protagonisten. Nur hatte sich gerade Sattler das Ergebnis ganz anders vorgestellt. Jetzt ist er beleidigt.

»Das war wohl die blödeste Idee, die ich haben konnte, den Dreharbeiten zuzustimmen«, sagte er nach der Premiere. Er hatte sich von dem Film einen PR-Effekt für das Projekt erhofft und steht nun im nordhessischen Regen. Vor allem ein Satz, den er vertraulich zu Roland Koch gesagt und dabei das Mikroport am Revers vergessen hatte, löste einen Sturm der Entrüstung aus. Es ging um die geplante Auslagerung eines Seniorenheims, das auf dem Planungsareal seinen Sitz hat. Sattler: »Das sind schwer Demenzkranke, die gar nicht merken, daß sie im Wald sind.« Wasser auf die Mühlen der Kritiker. Vor allem im Hofgeismarer Stadtparlament, wo der CDU-Bürgermeister einer SPD-Mehrheit gegenübersteht. Die war wenig amüsiert, auch darüber, erst aus dem Film bislang geheimgehaltene Details der anvisierten Deals zu erfahren. So kann es gehen. Henners Traum schadet das nicht. Er ist das hochspannende Dokument aus einer Zeit, als die globale Immobilienblase noch prall gefüllt war. Inzwischen ist sie geplatzt. Für die Region kann das nur von Nutzen sein. Für die Demenzkranken sowieso. 2009-03-24 14:14
© 2012, Schnitt Online

Sitemap