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The Pervert's Guide to Cinema

GB/A/NL 2006. R,B,S: Sophie Fiennes. B: Slavoj Zizek. K: Remko Schnorr. S: Marek Kralovsky, Ethel Shepherd. M: Brian Eno. P: Amoeba Film, Lone Star, Mischief Films.
150 Min. Zweitausendeins ab 12.3.09

Die Vögel sind nicht, was sie scheinen

Von Daniel Bickermann Beinahe könnte dieser schnippische, unterhaltsame Film einige der haarsträubenderen Texte des umtriebigen Slavoj Zizek vergessen machen, der gerne Unverständlichkeit zur bewußten Kunst erhebt und willkürliche Motivassoziation zum Stilmittel der postmodernen, freudianischen und/oder lacanschen Filmanalyse verklärt. Der unerbittliche Rationalist David Bordwell hat über diese Nichtwissenschaft eigentlich alles gesagt, was es darüber zu sagen gibt. Trotzdem folgt man dem chaotischen Slowenen hier volle 150 Minuten lang durchaus gerne und amüsiert durch die Filmgeschichte – wie hat er das nun wieder geschafft?

Nun, der derzeit angesagteste Popkulturwissenschaftler hat vielleicht aus Astra Taylors huldigendem, aber letztlich wenig schmeichelhaften Dokumentarfilm Zizek! gelernt, wo er seine oft unzusammenhängenden Assoziationsthesen noch minutelang in eine unendlich geduldige und von keinerlei ordnenden Montage gebändigte Kamera plappern durfte. Das Ergebnis damals gereichte weder ihm noch dem allzu unterwürfigen Dokumentarteam zu Ehren. Vielleicht hat sich der leidenschaftliche Selbstdarsteller Zizek deshalb bei diesem neuen Versuch, seine filmwisschenaftlichen Thesen unters Volk zu bringen, so spürbar zurückgenommen. Sicher, als wandelnde Interpretation schlendert er nicht gerade bescheiden durch einige unantastbare Filmklassiker wie Die Vögel, Frankenstein, Blue Velvet, Dr. Seltsam, Der Exorzist und Fight Club. Aber sein Vortrag dabei ist überraschend ruhig, stringent, zusammenhängend und – soweit das seine grundsätzlich logikfremde freudianische Disposition erlaubt – auch folgerichtig.

Wirklich neu ist das alles natürlich nicht: Mit der freudianischen Lesart zu Filmklassikern wurde der deutsche Filmfreund ja schon von Georg Seeßlen erschöpfend sozialisiert, und The Pervert’s Guide ist keineswegs eine präzise Schnellsprecherdoku à la The Fog of War. Der Gedankenstrom zeigt sich hier eher als gemächlich plätscherndes Bächlein durch audiovisuell drollig aufgehübschte Auen. Auch die invasive Technik des einmontierten Kulturkritikers in die von ihm praktisch simultan analysierten Szenen ist eigentlich nicht mehr als eine gefällige visuelle Spielerei ohne größere Konsequenzen. Immerhin bestehen die von Zizek auf diese Weise durchwanderten Szenen nicht nur aus den ewiggleichen Musterbeispielen für freudianische Filmanalyse – obwohl natürlich Hitchcock und Lynch, The Matrix und The Wizard of Oz mal wieder überproportional stark vertreten sind. Aber einen zertifizierten Lacan-Anhänger mal auf Chaplin oder die Marx Brothers, auf Kieslowski oder Tarkowski loszulassen, das gibt dem ganzen Projekt schon einen gewissen Reiz. Und die neue Bescheidenheit steht den oftmals in sich widersprüchlichen Thesen gut zu Gesicht. Zizek verknüpft endlich mal Lacan und Lakonik.

The Pervert’s Guide to Cinema ist nach einem Kurzportrait von Lars von Trier und einem Dokumentarfilm über den Gospelmusiker Bishop Noel Jones bereits die dritte Regiearbeit von Sophie Fiennes, die damit neben den hochbegabten Schauspielbrüdern Joseph und Ralph und ihrer älteren Schwester Martha, der Regisseurin von Onegin, als bereits vierter Sproß einer äußerst filmbegabten Familie die internationale Bühne betritt. Und die Tatsache, daß man ihrer zweieinhalbstündigen Dokumentation ununterbrochenen Unterhaltungswert attestieren muß, spricht Bände über ihr inszenatorisches Talent und den ausgezeichneten Schnitt, den sie gemeinsam mit Marek Kralovsky und Ethel Shepherd fertigte und der für ein zügiges, aber nie hektisches Tempo sorgt. Zumindest für Einsteiger in die Filmanalyse und Freunde des Freudianismus erschafft sie damit einen umfassenden Schlüsseltext, der filmisch äußerst liebevoll aufbereitet ist. Und besser als ein ganzes Semester Diskurstheorie und Postsstrukturalismus ist dieser Film allemal. 2009-03-11 12:45
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