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Nur ein Sommer

D/CH 2007. R,B: Tamara Staudt. K: Judith Kaufmann, Michael Hammon. S: Jörg Hauschild. M: Daniel Jakob, Oli Kuster, Peter von Siebenthal, Till Wyler. P: Razor Film. D: Anna Loos, Stefan Gubser, Stephanie Glaser, Oliver Zgorelec, Peter Wyssbrod u.a.
94 Min. Filmlichter ab 12.3.09

Got Milk?

Von Jakob Stählin Was für eine Gaudi: Die arbeitslose Eva aus Eberswalde wird vom deutschen Arbeitsamt in die Schweizer Alpen geschickt. Zum Melken. Natürlich, denn Eva war früher mal Melkerin in einer Großmolkerei. Ihr doofer, jüngerer Lebensgefährte findet das doof und sagt das auch. Sie geht trotzdem, und kaum angekommen wird sie von ihrem neuen Arbeitgeber, dem rustikalen Schweizer Daniel, mit dem sie alleine auf einer Hütte hoch oben in den Alpen logiert, wie der letzte Dreck behandelt. Was wäre naheliegender, als sich in den Grobian zu verlieben? Eben. Daher passiert dies auch, obgleich Mehmet, der auf der Nachbarsalm arbeitet, sich ebenfalls in Eva verknallt und ihr doofer Berliner Freund auch noch vorbeischaut und erneut seine Meinung herausgrunzt.

Es fällt schwer, einen Film zu begreifen, der in jeder Sekunde seiner Sichtung seine bloße Existenz in Frage stellt. Tamara Staudts zweiter Langfilm ist komplett mißglückt. Es stimmt schlicht nichts. Weder eine einzige Zeile des Drehbuchs noch eine Einstellung: Nur ein Sommer scheitert an seiner gnadenlos antiquierten Grundprämisse. Auch den Schauspielern, die verständlicherweise keine Ahnung haben, was sie mit ihren Figuren anzustellen haben, ist dies anzumerken. Jede Gefühlsregung, jede daraus resultierende Handlung ist abgegriffen und doch so unverständlich. Evas Freund beispielsweise stakst plump über die Alpen und stirbt fast beim Versuch eines Abstiegs, weil er das falsche Schuhwerk trägt. Eva hingegen, die genauso einfältig ist wie ihr Liebhaber, ist in nullkommanix perdu mit den Viechern und tänzelt selbstbewußt durch die Landschaft. Hier möchte der Film andeuten, wie sehr die Städter doch den Bezug zu ihren Wurzeln verloren haben, wie absurd die moderne Arbeit an sich und wie wunderbar und ursprünglich das Leben auf dem Land doch ist, wo der Opa noch am Brotzeittisch friedlich entschläft und, von einem Vaterunser begleitet, die Alm hinabgeseilt wird. Ein Opa übrigens, der nur zwecks seiner Sterbeszene Sekunden vorher eingeführt wird. Berührt ist man selbstredend kaum vom Ableben dieser völlig fremden Figur.

Jetzt mal im Ernst. Abgesehen davon, daß diese hanebüchene Geschichte bar jeden Realitätsbezuges daherkommt: Wer will das sehen? Anna Loos, die schauspielerisch noch nie Bäume ausgerissen hat, kann dennoch ein charakterstarkes Gesicht vorweisen, das, richtig besetzt, durchaus seine Tiefen bietet. Doch ihre Rolle als ziemlich einfältiges Berliner Jungmütterlein in Gummistiefeln gibt dem Zuschauer ein Rätsel auf. Im Falle von Nur ein Sommer möchte Kino so etwas sein wie die Brücke zwischen der Bürgerlichkeit und der Nicht-Bürgerlichkeit; sagen wir meinetwegen, den Akademikern und sonstigen Zeitgenossen, die sich beim Arbeiten eher den Kopf als den Rücken zerbrechen. An sich ein ganz und gar goldiges Anliegen, obgleich dies auch in gelungeneren Fällen häufig recht reserviert verwendet wurde. So werden gerne Menschen aus einfacheren Verhältnissen gezeigt, um einerseits die unerbittliche Härte des Lebens zu schildern oder eben um andererseits darüber zu lachen.

Um diesen gescheiterten Film in Ansätzen zu begreifen hätte es, vor allem bei gerade mal drei Hauptfiguren, Protagonisten bedurft, die, so fern sie dem Zuschauer liegen mögen, seien sie Trottel oder Nobelpreisträger, eine Tiefe besäßen. Anhaltspunkte, die uns mitfiebern lassen, die eine Geschichte rechtfertigen, schlicht, die interessieren und von der Größe sind, daß sie eine Leinwand bevölkern sollten. Doch diese Liebesgeschichte, die eine sehnsüchtige Frau zu zeigen imstande ist, deren Lenden vor Libido vibrierend nach jedem Ziegenpeter gieren und dann völlig konträre Sätze zu sagen vermag wie »Da war immer jemand, ick glob jetzt will ick mal jar kenen«, die läßt den Zuschauer doch sehr verblüfft zurück. 2009-03-09 11:03

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