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The Fall

USA/GB/IN 2006. R,B: Tarsem Singh. B: Dan Gilroy, Nico Soultanakis. K: Colin Watkinson. S: Robert Duffy. M: Krishna Levy. P: Googly Films. D: Lee Pace, Catinca Untaru, Justine Waddell, Robin Smith, Julian Bleach u.a.
117 Min. Capelight ab 12.3.09

Fabelhaft

Von Mary Keiser Die Magie von Filmen liegt darin, das Unsichtbare sichtbar zu machen. Darin ist Regisseur Tarsem Singh ein Meister. Statt die Gefühlsregungen eines Protagonisten durch bloße Mimik darzustellen, führt er dessen innere Welt in klaren, farbenprächtigen Bildern vor. In The Cell war es das schizophrene Unterbewußtsein eines Serienkillers, in The Fall ist es die Fantasie eines kleinen Mädchens.

Der Film spielt in einem Krankenhaus in Los Angeles während des Ersten Weltkrieges. Die kleine Alexandria bittet den verletzten Stuntman Roy, ihr eine Geschichte zu erzählen. Voll von Liebeskummer und Weltschmerz kommt dieser der Bitte nach, damit das Mädchen ihm die nötige Portion Morphium für seinen Selbstmord beschafft. Er erzählt von dem grausamen Herrscher Governor Odious, für dessen reales Pendant ihn seine Geliebte verlassen hat. In seiner Fantasiewelt begibt sich eine Gruppe der unterschiedlichsten Helden auf eine Reise über Meere, durch Wüsten und Wälder, um gemeinsam Rache an Odious zu üben. Doch gegen die Übermacht seiner Soldaten haben sie keine Chance.

Der Zuschauer sieht allerdings nicht Roys Geschichte, sondern das, was Alexandrias Fantasie daraus macht. Wie auch die Rahmenhandlung verfolgt man das Geschehen mit den Augen des Mädchens. In ihrer Vorstellung verschmelzen Personen und Vorkommnisse aus ihrer realen Umgebung mit der Erzählung. Der maskierte Bandit sieht aus wie Roy, die Uniform der feindlichen Schergen erinnert an den Bleianzug aus dem Röntgenraum. Muß sie einmal niesen, kitzelt es auch die schöne Prinzessin in der Nase.

Nach und nach entwickelt sich zwischen Erzähler und Zuhörerin ein bewegendes Tauziehen um den Verlauf der Handlung. Alexandria stemmt sich mit dem natürlichen Gerechtigkeitsbedürfnis eines Kindes gegen Roys hoffnungslosen Pessimismus. Für beide ist die Geschichte zu einer Parabel über ihr Leben geworden.

Genau das entspricht dem ursprünglichen Zweck von Geschichten, ob Mythen, Märchen oder Sagen. Singh führt fast alle Formen menschlichen Erzählens als kulturelle Universalie auf, von einfachen Ritualen über klassisches Theater bis zum Film. Er zitiert dabei unterschiedlichste filmische Erzählweisen. Zum Beispiel wirken die bunt zusammengewürfelten Helden in Theaterkostümen wie eine erwachsene Version des Zauberer von Oz. Dagegen erinnern viele der Schauplätze stark an Ron Frickes experimentellen Dokumentarfilm Baraka, der ebenso den Trancetanz der Derwische oder den balinesischen »Affentanz« enthielt. Es kommt sogar eine Stop-Motion-Puppensequenz vor.

Nebenbei bemerkt stammt die Grundidee von The Fall aus dem Film Yo-Ho-Ho des bulgarischen Regisseurs Zako Heskija aus dem Jahre 1981. Da fragt man sich, ob es nur ein Zufall ist, daß die schauspielerische Entdeckung des Films, die junge Catinca Untaru, ausgerechnet Rumänin ist.

Als Musikvideo- und Werbefilm-Regisseur vertritt Singh selbst die modernste Form des Filmemachens. Mit seiner Erfahrung auf dem Gebiet der Clip-Ästhetik fügt er die unvereinbar scheinenden Versatzstücke zu einem nahtlosen Kunstwerk zusammen. Die Stilisierung auf formaler und inhaltlicher Ebene, mit gesättigten Farben, symmetrischen Bildkompositionen und archetypischen Figuren, bildet dabei den roten Faden. Dabei unterstützt die klassische Musik Krishna Levys das Visuelle und nicht umgekehrt.

Der indische Regisseur erinnert mit seinem auf einem bulgarischen Drehbuch basierenden amerikanischen Film, der in 18 verschiedenen Ländern gedreht wurde, daran, daß alle Menschen Geschichten brauchen – besonders in Form von solchen Filmen. 2009-03-05 11:08

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