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Sieben Tage Sonntag

D 2007. R,B: Niels Laupert. K: Christoph Dammast. S: Hansjörg Weißbrich. M: Michael Heilrath. P: Bartl/Laupert/Dierbach Filmproduktion. D: Ludwig Trepte, Martin Kiefer, Jil Funke, Karin Baal, Antonio Wannek, Jennifer Ulrich u.a.
80 Min. Timebandits ab 5.3.09

Schatten auf dem Plattenbau

Von Susan Noll Ein Mord ist ein schreckliches Verbrechen, ein Mord ohne Motiv aber ist noch erschütternder. Wenn die Idee dazu von einer Wette herrührt, so verheißt dies viel über die Einstellung zur Gewalt: Alles ist ein Spiel. Konsequenzen haben keine Bedeutung, das Leben ist ohnehin nichts wert. Das ist die Welt von Adam und Tommek, zwei Jugendlichen, deren Alltag aus Rumhängen, Mädchenaufreißen und Klauen besteht. Sie haben keine Beschäftigung und kein Ziel, treiben durch jeden Tag, als wenn es ein Sonntag wäre. Die Assoziation zum Titel des Films wird zu Beginn durch einen Off-Kommentar geknüpft und ironisiert, worum es im Film eigentlich geht: Hier herrscht kein Sonnenschein, sondern Perspektivlosigkeit, die in Aggression mündet. Alte Lagerhallen kaputtzuhauen und auch sonst den großen Mann zu geben ist Tommeks Art, der sanftere Adam läßt sich mitziehen und versucht, seinem Freund zu gefallen. Ergebnis dieser Konstellation und einer abendlichen Party: Die beiden Jungen schließen eine Wette darüber ab, daß sie einen Menschen töten können.

Bildlich ist die Geschichte brillant umgesetzt. In tristen Farben erscheint die Plattenbausiedlung, nur ab und zu wird sie vom einfallenden Sonnenlicht durchbrochen. Wie ein Mikrokosmos wirkt das Viertel, in dem sich die Clique trifft. Die Montage setzt mit ihren Schwarzblenden in den am schwersten zu ertragenden Momenten des Films eine große Intensität frei und macht das Ansehen der Morde in ihrer Plötzlichkeit der Ein- und Ausblendung fast unerträglich. Die wackelige Handkamera wird zwar auf Dauer etwas anstrengend, zeichnet aber in ihrem Spiel mit Schärfe und Unschärfe, Distanz und Nähe ein eindrückliches Porträt der Figuren. Diese bleiben allerdings auf der inhaltlichen Ebene unergründlich, wie es auch der Rest der Handlung tut. Wie Hüllen erscheinen Adam und Tommek, wenn sie später im Gefängnis sitzen und kaum noch einen Laut von sich geben. Sicherlich spiegelt sich darin ihre Perspektivlosigkeit und emotionale Verkümmerung, dies ist jedoch kaum befriedigend, wenn daraus irgendeine Konsequenz gezogen werden soll. Das Verhalten der Figuren kann Regisseur und Drehbuchautor Niels Laupert nicht erklären, die reine Abbildung und der Verzicht auf eine tiefere Psychologisierung wiederum erzählen aber auch zu wenig.

Der Film wartet noch mit ein paar anderen Problemen auf. So ist die Zeichnung des Milieus und seiner Charaktere nicht gerade subtil gelungen und eher mit Klischees und einfachen Bildern angefüllt. Schon in den ersten Minuten wird Klebstoff geschnüffelt und Alkohol geklaut. Tommek ist der tätowierte harte Kerl, und als die Jungs ihre Gewalt in einer zerfallen Halle ausleben, ertönt der Song »Fuck Forever« und gibt damit das Credo dieser Generation an. Auch die Dialoge wirken an manchen Stellen zu gewollt jugendlich-bockig und lässig. Dies trägt leider ebensowenig zur Authentizität bei wie die Ankündigung, daß die Geschichte auf wahren Begebenheiten beruht. Denn hier liegt das größte Manko: Der Film verschleiert seinen Bezug zu den realen Geschehnissen in keinem Moment, da er versucht, eine für die Zeit authentische Umgebung zu schaffen, allerdings nie den Ort der Handlung aufklärt und dadurch irritiert. Denn so heruntergekommen kann auch im Osten 1996 kein Gefängnis mehr gewesen sein, wie es im Film erscheint. Die Idee, die Ziellosigkeit und daraus resultierende Gewaltbereitschaft als universelle Geschichte zu erzählen, funktioniert hier nur bedingt, da sie an einen räumlichen und zeitlichen Rahmen gebunden wird, der als Fakt behandelt wird und gleichzeitig nur als Schema fungieren soll. 2009-03-02 18:12
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